„You are the media now“ – Bernhard Pörksen über Widersprüche der digitalen Öffentlichkeit

Medienwissenschaftler Pörksen im Studium Generale über Aufklärung, Medienbildung und die Kunst des Zuhörens

bei Georg Kost

Bernhard Pörksen ist Kommunikationsexperte und Professor für Medienwissenschaft in Tübingen.
Foto: Cornelia Kamper/ Hochschule Pforzheim

PFORZHEIM, 24.10.2026 (pm) – Hass im Netz, die Macht weniger Tech-Konzerne und KI-generierte Inhalte, bei denen niemand mehr weiß, wer eigentlich spricht: Wie verändert die digitale Revolution unsere Öffentlichkeit, und unsere Wahrnehmung der Welt? Wer bestimmt eigentlich, was wir sehen (und was nicht), und welche Interessen stecken dahinter? Antworten auf diese Fragen gab Dr. Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und international anerkannter Kommunikationsexperte, in seinem Vortrag im Studium Generale der Hochschule Pforzheim.

Der neue Autoritarismus im Gewand der Freiheit
Pörksen zitierte zu Beginn Tech-Milliardär Elon Musk: „You are the media now.“ Der Satz klinge nach Gegenkultur und Aufbruch, wie bei den frühen Computer-Hippies, die Pörksen im Silicon Valley erforscht hat. Genau darin sieht er den Trick: „Der neue Autoritarismus spricht die Sprache der Anti-Autoritären.“ Unsere digitale Medienwelt sei voller Widersprüche dieser Art, so der Medienwissenschaftler, und ging auf drei Gegensätze genauer ein. Erstens: Das Netz gibt vielen Menschen erstmals eine Stimme und öffnet damit neue Kommunikationsräume. Zugleich schlössen sich jedoch Zugänge, da die Macht wie nie zuvor in der Mediengeschichte bei nur wenigen Big-Tech-Konzernen liegt. So erhielten zum Beispiel Meta, Amazon und Google im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Online-Werbegelder weltweit. Pörksen sprach hier von einem „digitalen Feudalismus“: Ein paar wenige herrschen wie Fürsten über den Raum, in dem wir alle diskutieren. Zweitens: Im Netz stehen sich Hass und Hetze einerseits und übertriebene Empfindlichkeit andererseits gegenüber. Das ruhige, respektvolle Gespräch, das es im Alltag durchaus gibt, kommt gerade in den sozialen Medien kaum vor. Drittens: Der Journalismus vor Ort, etwa die Lokalzeitung, wird schwächer, obwohl er für die Demokratie wichtig ist. Dafür entscheiden Online-Plattformen und KI-Firmen immer stärker, was Milliarden Menschen zu sehen bekommen – hier stehen sich Demokratisierung der Medienlandschaft und massive Monopolbildung als Gegensätze gegenüber.

Was das für die Stimmung in der Gesellschaft bedeutet, zeigte Pörksen anhand von drei Werken aus seinem Bücherregal. Die erste Folge ist Gereiztheit. Weil uns Nachrichten aus aller Welt ungefiltert und in Echtzeit erreichen, gibt es keinen Rückzugsort mehr, wie ihn Thomas Manns „Zauberberg“ beschreibt: „Wir kommen uns im digitalen Dorf zu nahe.“ Die zweite Folge ist Rückzug. Viele Menschen wenden sich erschöpft von den Nachrichten ab. Wie Henry Thoreau in „Walden“ suchen sie ihren Seelenfrieden, indem sie sich ausklinken. Die dritte Folge ist Verunsicherung. Wie in Alan Turings berühmtem Test wissen wir oft nicht mehr, ob ein Mensch oder eine Maschine zu uns spricht. Rund die Hälfte aller Beiträge in sozialen Netzwerken soll inzwischen KI-generiert sein. Daraus entstehe ein „Fake-Gefühl“, das das Vertrauen in Wahrheit insgesamt untergrabe.

Drei Anstrengungen für mehr Mündigkeit in den Medien
Trotz aller Skepsis bekannte sich Pörksen zum Aufklärungsoptimismus: Dieser sei „alternativlos und macht das Leben sogar freudvoller“. Er skizzierte drei Wege: Erstens brauche es Bildung. Pörksen forderte ein eigenes Schulfach für die „redaktionelle Gesellschaft der Zukunft“, in dem z.B. Grundsätze des guten Journalismus wie „Prüfe erst, publiziere später“ gelehrt werden. Hoffnung machten ihm Initiativen wie „Journalismus macht Schule“. Zweitens brauche es behutsame Regulierung. Der Digital Services Act der EU sei der richtige Weg, ob er sich geopolitisch durchsetzen lasse, sei jedoch offen. Drittens gelte es, das Zuhören neu zu lernen. In einer anderen Medienepoche seien Informationen knapp gewesen, heute sei eher die Aufmerksamkeit knapp. Pörksens Appell lautete daher: „erst verstehen und dann verstanden werden“.

Zum Abschluss des Abends räumte Pörksen ein, in dunklen Momenten zu fürchten, dass uns angesichts von KI-Revolution, bedrohter Demokratie und Klimakrise die Zeit davonläuft. Und doch gebe es zum Vertrauen in die Urteilskraft und Mündigkeit der Mitmenschen keine echte Alternative. Wer als Optimist am Ende falsch liege, habe zumindest das bessere Leben gehabt.