
Bau der Trasse bei Weil der Stadt. Archivbild: infopress24.de
CALW/BÖBLINGEN, 29.01.2026 (rsr) – Mit der Inbetriebnahme der Hermann-Hesse-Bahn ab dem 1. Februar steht ein lange verfolgtes Verkehrsprojekt im westlichen Landkreis Calw kurz vor dem Abschluss. Die Strecke zwischen Weil der Stadt und Calw soll künftig eine schnelle Schienenverbindung schaffen und damit einen spürbaren Beitrag zur regionalen Mobilität leisten. Gleichzeitig wirft das Vorhaben grundsätzliche Fragen auf – insbesondere im Hinblick auf Kostenentwicklung, Planungsprozesse und die Gewichtung von Umweltauflagen.
Die Reaktivierung der rund 18,5 Kilometer langen Bahnlinie war ursprünglich als vergleichsweise überschaubares Infrastrukturprojekt geplant. Heute präsentiert sich das Vorhaben als eines der teuersten Reaktivierungsprojekte im Land. Statt der anfänglich veranschlagten 49 Millionen Euro sollen sich die Gesamtkosten inzwischen auf rund 207 Millionen Euro belaufen.
Diese Entwicklung ist nicht allein auf allgemeine Baupreissteigerungen zurückzuführen, sondern vor allem auf langwierige Genehmigungsverfahren und umfangreiche zusätzliche Maßnahmen.
Einen zentralen Einfluss auf Zeitplan und Kosten hatte der Artenschutz. Mehrere Jahre lang blockierten rechtliche Auseinandersetzungen und Nachbesserungen die Umsetzung. Erst nach intensiven Abstimmungsprozessen konnten einzelne Bauabschnitte realisiert werden. Besonders komplex erwiesen sich die Anforderungen zum Schutz streng geschützter Tierarten, insbesondere von Fledermäusen und Steinkrebsen. Für diese Maßnahmen waren zusätzliche Planungen, Sondergenehmigungen und bauliche Sonderlösungen erforderlich, die sich über fast ein Jahrzehnt erstreckten.
Rund 80 Millionen Euro der Gesamtkosten sollen inzwischen auf Artenschutzmaßnahmen entfallen sein. Damit fließt ein erheblicher Teil der Investitionen nicht in den eigentlichen Bahnbetrieb oder die Verkehrsinfrastruktur, sondern in begleitende ökologische Vorkehrungen. Diese Größenordnung hat das Projekt grundlegend verändert und prägt zunehmend die öffentliche Wahrnehmung. Was als Ausgleich zwischen Infrastruktur und Naturschutz gedacht war, ist zu einem dominierenden Kostenfaktor geworden.
Unstrittig ist der ökologische Anspruch, Eingriffe in Natur und Landschaft möglichst gering zu halten. Zugleich zeigt das Projekt, wie schnell gut gemeinte Zielsetzungen zu strukturellen Problemen führen können, wenn sie in ihrer Gesamtheit kaum noch beherrschbar sind. Die Hermann-Hesse-Bahn steht damit exemplarisch für ein Dilemma moderner Infrastrukturpolitik: Der Wunsch nach nachhaltiger Mobilität trifft auf immer komplexere regulatorische Anforderungen, deren finanzielle und zeitliche Folgen kaum noch vermittelbar sind.
Mit dem Start des Bahnbetriebs rückt nun der praktische Nutzen in den Vordergrund. Ob die neue Verbindung langfristig als Erfolg gewertet wird, hängt jedoch nicht nur von Fahrzeiten und Fahrgastzahlen ab, sondern auch davon, welche Lehren Politik und Verwaltung aus diesem Projekt ziehen. Die Kostenentwicklung der Hermann-Hesse-Bahn dürfte dabei noch lange als Mahnung dienen.
