
Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker. Foto: TSV Calw
CALW, 14.08.2026 (pm) – Als Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker vor 40 Jahren mit der ersten Herzsportgruppe in Calw begannen, war ihre Idee noch längst keine Selbstverständlichkeit. Jahrzehnte vorher wurden Herzpatienten nach einem Infarkt oft wochenlang geschont. Dass regelmäßige Bewegung fester Bestandteil der Behandlung sein sollte, steckte noch in den Kinderschuhen. Heute gehören Herzsportgruppen bundesweit zum Standard – und die Calwer zählen zu den Pionieren.
Die Anfänge
Im Januar 1986 startete das Angebot mit einer einzigen Gruppe. Brauer übernahm als Diplom-Sportlehrerin und speziell ausgebildete Übungsleiterin die Leitung der Kurse, Pfeilsticker sorgte als betreuender Arzt für die medizinische Sicherheit. Heute umfasst das Angebot acht Herzsportgruppen – und der Bedarf ist nach wie vor so groß, dass regelmäßig Wartelisten geführt werden.
Dabei ging es von Anfang an um weit mehr als Gymnastik. Bewegung, gesunde Ernährung, Gewichtsreduktion, Stressbewältigung und Informationen über Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehörten ebenso zum Konzept wie der persönliche Austausch in der Gruppe. Vor allem aber sollte den Teilnehmern das Vertrauen in den eigenen Körper zurückgegeben werden. Diese ganzheitliche Sicht ist bis heute aktuell. Für Dr. Pfeilsticker bringt ein Ausspruch des hausärztlichen Herzsportpioniers Dr. Hartmann aus Schorndorf diese Philosophie bis heute auf den Punkt: „Nix isch nix, z’viel isch au nix. Äbbes isch emmer äbbes.“
Pionierarbeit mit viel Idealismus
Der Aufbau der Herzsportgruppe erforderte damals viel Idealismus. Für die Anerkennung mussten speziell ausgebildete Übungsleiter, ein betreuender Arzt und eine komplette Notfallausrüstung vorhanden sein. Diese musste zunächst über Spenden finanziert werden. Um die organisatorischen Voraussetzungen zu schaffen, initiierte Dr. Dietrich Pfeilsticker die Gründung der Coronar-Gruppe Calw e.V. „Dr. Pichler und ich waren im Vorstand, Herr Burkhardt war Kassenwart und der damalige AOK-Vorstand Herr Würfele war Schriftführer“, erinnert sich Pfeilsticker. Aus diesem Verein entwickelte sich schließlich das Herzsportangebot in Calw.
Nicht jeder stand dem neuen Konzept anfangs offen gegenüber. Auch unter Ärzten gab es Skepsis, ob Sport Herzpatienten tatsächlich hilft. Inzwischen haben zahlreiche Studien den Nutzen regelmäßiger Bewegung belegt. Zwar lässt sich bis heute nicht eindeutig nachweisen, dass Herzsport die Lebenserwartung verlängert. Sicher ist jedoch, dass er die Lebensqualität deutlich verbessert.
Diese Erfahrung haben auch Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker in den vergangenen vier Jahrzehnten immer wieder gemacht. Besonders deutlich zeigte sich dies während der Corona-Pandemie. Als über Monate kein gemeinsames Training möglich war, kehrten viele Teilnehmer körperlich deutlich geschwächt zurück. Es dauerte lange, bis sie wieder ihr früheres Leistungsniveau erreichten. Für Brauer und Pfeilsticker bestätigte sich damit eindrucksvoll, welche Bedeutung regelmäßige Bewegung für Herzpatienten hat.
Der Herzsport wächst
Mit den Jahren wuchs nicht nur die Zahl der Teilnehmer, sondern auch das Angebot. Als eine zweite Gruppe gegründet wurde, trainierten die Herzsportler im Sommer regelmäßig im Wald. Für jede Einheit musste die Strecke bei der Rettungsleitstelle hinterlegt werden. Der betreuende Arzt trug dabei einen rund 13 Kilogramm schweren Notfallrucksack mit Defibrillator und weiterer Ausrüstung über mehrere Kilometer.
Auch die damals neu entwickelten Pulsmesser mit Brustgurt kamen erstmals zum Einsatz. „Für uns war das eine zusätzliche Sicherheit, weil wir gar nicht wussten, wie die Teilnehmer auf die längeren Strecken reagieren würden“, erinnert sich Helma Brauer. Ganz reibungslos funktionierte die Technik allerdings noch nicht: „Wenn zwei nebeneinander gelaufen sind, haben sich die Signale gegenseitig gestört. Plötzlich zeigte der Pulsmesser 240 an – da haben wir natürlich erst einmal einen Schreck bekommen.“
Später wurde das Angebot zunächst in die Reha- und Behindertensportgruppe Calw integriert, wobei Herr Hommel, Herr Bay und Herr Morig wichtige Wegbegleiter waren. 2018 fand das Angebot schließlich beim TSV Calw seine neue Heimat. Dort profitieren die Herzsportgruppen heute von optimalen Bedingungen. Mehrere Gruppen können parallel trainieren, gleichzeitig stehen weitere Angebote wie der gerätegestützte Gesundheitsbereich zur Verfügung.
Verändert hat sich im Laufe der Jahre auch die Zusammensetzung der Teilnehmer. Während früher vor allem Menschen nach einem Herzinfarkt kamen, nehmen heute zunehmend Patienten nach Bypass-Operationen, dem Einsatz von Stents oder Herzklappen-Eingriffen teil.
Mindestens genauso wichtig wie das Training ist der soziale Zusammenhalt. „Der stärkste Gesundheitsfaktor ist oft das soziale Eingebundensein“, sagt Pfeilsticker. Viele Teilnehmer kommen schon lange vor Beginn der Stunde, trinken anschließend gemeinsam noch einen Kaffee oder treffen sich nach dem Training im TSV-Biergarten. „Die Gruppen sind richtig zusammengewachsen“, erzählt Brauer. „Viele möchten gar nicht mehr wechseln, obwohl das Reha-Programm eigentlich zeitlich begrenzt ist.“
Zwei Leben für den Sport
Dass Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker ihre Aufgabe mit so viel Leidenschaft ausüben, überrascht kaum. Beide sind seit ihrer Kindheit sportlich aktiv – und das bis heute.
Brauer studierte an der Deutschen Sporthochschule Köln, spielte viele Jahre Handball und ist bis heute begeisterte Tennisspielerin. Rund 20 Jahre lang war sie die einzige Übungsleiterin der Herzsportgruppen in Calw. Urlaub bedeutete für sie oft ein schlechtes Gewissen, weil es kaum Vertretungen gab.
Pfeilsticker war international erfolgreicher Fechter, wurde Weltmeister, Vize-Europameister und Deutscher Meister. Heute sammelt der 76-Jährige bei internationalen Biathle- und Triathle-Wettkämpfen weiterhin Medaillen.
Was sie ihren Herzsportlern seit vier Jahrzehnten vermitteln, leben beide selbst vor: Regelmäßige Bewegung gehört für sie selbstverständlich zum Alltag. Neben ihren jeweiligen Sportarten trainieren Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker bis heute regelmäßig beim TSV Calw im TSV Sportzentrum.
Engagement, das bis heute anhält
Dass die Herzsportgruppen heute so erfolgreich sind, führen beide auf das Engagement vieler Beteiligter zurück. Neben den Übungsleitern hätten zahlreiche Ärzte die medizinische Betreuung übernommen, insbesondere die Kardiologen Plappert und Dipl. med. Dempe. Unterstützt wurde das Projekt außerdem von vielen Hausärzten, beispielhaft Storsberg, Allmendinger, Köllhofer und Bauer sowie den Rettungssanitätern des DRK.
Auch nach vier Jahrzehnten denken Helma Brauer und Dietrich Pfeilsticker nicht ans Aufhören. Was sie antreibt, hat sich in all den Jahren nicht verändert. „Das positive Feedback der Teilnehmer ist die größte Motivation“, sagt Brauer. Pfeilstickers Fazit nach 40 Jahren Herzsport fällt dennoch denkbar kurz aus: „Bewegung.“
