
Flüchtlingsunterkunft Wimsheim. Foto infopress24.de
ENZKREIS, 08.01.2026 (pm) – Die Zahl neu ankommender Flüchtlinge im Enzkreis ist nach dem zwischenzeitlichen Anstieg infolge des Ukrainekriegs deutlich zurückgegangen. Aktuelle Daten des Landes zeigen niedrigere Zugänge als in den Vorjahren, bleiben jedoch über dem Tiefststand von 2020. Gleichzeitig verschieben sich die Herkunftsländer: Ukrainer stellen seit 2022 die größte Gruppe, während die Türkei stark aufgeholt hat. Trotz der Entspannung bleibt die Aufnahme- und Unterbringungssituation anspruchsvoll, insbesondere wegen begrenzter kommunaler Kapazitäten und hoher Quote gescheiterter Abschiebungen. Prognosen sind unsicher; strukturelle Vorsorge bleibt erforderlich.
Nach Angaben des Landesministeriums für Justiz und Migration sinken die Flüchtlingszahlen im Enzkreis nach einem zwischenzeitlichen Hoch aufgrund des Ukrainekriegs mittlerweile wieder deutlich ab. Wie Ministerin Marion Gentges (CDU) auf eine Kleine Anfrage des FDP-Landtagsabgeordneten Erik Schweickert mitteilte, befanden sich im Oktober 2025 483 Personen im Rahmen der vorläufigen Unterbringung in einer Einrichtung des Kreises.
Neu aufgenommen wurden bis zum Stichtag 20. November 356 Personen. 2024 waren es noch 845 neu ankommende Personen gewesen, in den Jahren 2022 und 2023 jeweils 1514 und 1550. Von den Rekordaufnahmezahlen des Jahres 2015 ist man damit jedoch weit entfernt. Damals hatte der Enzkreis noch 2124 Personen aufnehmen müssen. Gleichzeitig liegt man aktuell aber noch deutlich über dem Zehn-Jahres-Tief, das 2020 mit 180 Aufnahmen erreicht wurde.
„Die Zahlen bestätigen damit, dass sich die Situation bei der Flüchtlingsaufnahme etwas entspannt. Ein wirklicher Grund zur Beruhigung ist dies jedoch nicht, denn sowohl 2015 als auch 2022 haben wir erlebt, wie einzelne Ereignisse eine neue Flüchtlingswelle hervorrufen können. Parallel zeigt sich außerdem immer wieder an Diskussionen hier vor Ort, dass die Aufnahme und Unterbringung von Flüchtlingen unabhängig von Flüchtlingswellen konfliktbehaftet ist“, kommentiert Schweickert die Zahlen.
Aus diesen geht auch eine Verschiebung der Herkunftsländer hervor. In den Jahren 2015, 2016, 2020 und 2021 kamen die meisten Flüchtlinge aus Syrien, während seit 2022 Ukrainer die Rangliste der Herkunftsländer deutlich anführen. Allein 3889 Menschen und damit eine große Mehrheit aller Flüchtlinge kamen seitdem von dort. Derzeit leben noch 1861 ukrainische Kriegsflüchtlinge im Enzkreis. Sichtbar ist auch, dass immer mehr Personen aus der Türkei nach Deutschland flüchten und Asyl beantragen wollen. Noch bis einschließlich 2017 waren Türken nicht unter den zehn häufigsten Herkunftsnationen zu finden. 2022-2024 lag das Land schließlich auf Platz 2 und 2025 auf Platz 3, obwohl nur eine geringe Chance auf einen erfolgreichen Asylantrag besteht.
Die Entwicklungen zeigen jedoch eindrücklich, dass insbesondere politische Verschiebungen und Ereignisse jederzeit eine neue Flüchtlingswelle hervorrufen können. Maßnahmen wie Grenzkontrollen seien zwar sinnvoll, um das Grundströmen des Flüchtlingszuzugs erfolgreich einzudämmen und insbesondere illegale Einwanderung zu verhindern, trotzdem könne man aber auch neue Flüchtlingskrisen nie gänzlich ausschließen, gibt deshalb Schweickert zu bedenken. Grundlegende Kapazitäten für die Flüchtlingsaufnahme würden deshalb weiter benötigt.
Damit befindet sich der Enzkreisabgeordnete auf einer ähnlichen Linie, wie die Migrationsministerin. Auch diese will keine Prognose über die weitere Entwicklung des Flüchtlingszuzugs in den Enzkreis abgeben. Im November 2025 habe der Kreis jedoch eine Aufnahmeverpflichtung von 22 Personen gehabt, was einer Zuteilungsquote von rund 2,2 Prozent entspreche.
Zur aktuellen Zahl der Flüchtlinge in der Anschlussunterbringung bei den Kommunen kann Gentges allerdings keine Angaben machen. Dass auch diese aber immer wieder Probleme hatten, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, zeigt sich unter anderem daran, dass seit 2015 insgesamt 20 der 28 Enzkreisgemeinden für mindestens einen Monat eine Fehlbelegerabgabe zahlen mussten, weil sie nicht ausreichend Plätze in der Anschlussunterbringung bereitstellen konnten.
Immer wieder sorgt das Thema auch heute noch für Diskussionen, wie Schweickert nicht nur aus dem Niefern-Öschelbronner Gemeinderat weiß. „Wichtig ist im Zusammenhang der Bereitstellung von Aufnahmeplätzen, die Bevölkerung und betroffene Anwohner frühzeitig mitzunehmen und deren Bedenken ernst zu nehmen. Denn grundsätzlich ist es weder fair gegenüber anderen Gemeinden noch ein gutes Geschäft eine Fehlbelegerabgabe längerfristig in Kauf zu nehmen“, so der Liberale.
Probleme gibt es zudem weiterhin beim Thema Abschiebung. Denn auch wenn deren Zahl seit 2021 tendenziell zugenommen hat, scheitern noch immer über die Hälfte aller Abschiebeversuche. Allein 65 von 216 geplanten Abschiebungen konnten 2024 nicht durchgeführt werden, weil die Betroffenen nicht angetroffen wurden. Nur 76 Abschiebungen konnten erfolgreich abgeschlossen werden. Auch in diesem Jahr sieht es nicht anders aus. Von 132 geplanten Abschiebungen wurden bis Ende Oktober 53 durchgeführt, 42 scheiterten schon daran, dass niemand anzutreffen war. Hier müsse man weiter nach Möglichkeiten suchen, effizienter zu werden, meint deshalb Schweickert.
