Leonberg will eigenes Konzept für die Krankenhausversorgung umsetzen

Stadt setzt auf neues Grundversorgungszentrum mit 40 bis 50 Betten – Oberbürgermeister Degode bietet Beteiligung an und fordert den Landkreis zum gemeinsamen Vorgehen auf

bei Georg Kost

Symbolfoto: infopress24.de

LEONBERG, 05.11.2026 (pm/rsr) – Die Zukunft des Krankenhausstandorts Leonberg bleibt umstritten. Während der Landkreis Böblingen und der Klinikverbund Südwest eine deutliche Veränderung der bisherigen Krankenhausstruktur verfolgen, will die Stadt Leonberg an einer stationären medizinischen Grundversorgung festhalten. Ein von der Stadt in Auftrag gegebenes Gutachten des Institute for Health Care Business (hcb) zeigt dafür eine mögliche Perspektive auf: ein neues Grundversorgungszentrum, das stationäre und ambulante Angebote miteinander verbindet. Oberbürgermeister Tobias Degode macht deutlich, dass die Stadt bei der Umsetzung selbst Verantwortung übernehmen und sich auch wirtschaftlich beteiligen will.

Gutachten sieht Chancen in einem neuen Versorgungsmodell
Das Gutachten kommt zu einer kritischen Einschätzung der bisherigen Krankenhausstruktur. Eine Fortführung als Grund- und Regelversorger mit Basisnotfallversorgung sei unter den veränderten Rahmenbedingungen wirtschaftlich nicht tragfähig. Ausschlaggebend seien insbesondere die Krankenhausreform, steigende Anforderungen an medizinische Leistungen, die zunehmende Verlagerung stationärer Behandlungen in den ambulanten Bereich sowie der Fachkräftemangel.

Hinzu kommen steigende Betriebskosten und ein erheblicher Investitionsbedarf. Ein Weiterbetrieb in der bisherigen Form wäre nach Einschätzung der Gutachter nur mit einem dauerhaften finanziellen Ausgleich durch den Landkreis möglich.

Auch die Notfallversorgung hat sich verändert. Schwerwiegende Notfälle werden zunehmend in spezialisierte Kliniken gesteuert. Die Leonberger Notaufnahme versorgt nach Darstellung des Gutachtens überwiegend Patienten, deren Beschwerden ambulant behandelt werden können.

Die Gutachter sehen deshalb eine andere Perspektive für den Standort. Empfohlen wird, die Entwicklung eines Grundversorgungszentrums in Form eines Neubaus näher zu untersuchen. Vorgesehen wäre eine stationäre Basisversorgung mit etwa 40 bis 50 Betten in den Bereichen Innere Medizin und Geriatrie. Ergänzend sollen ambulante medizinische Angebote entstehen.

Stadt will sich finanziell und organisatorisch beteiligen
Die Stadt Leonberg macht dieses Modell zu ihrem eigenen Ziel. Das Grundversorgungszentrum soll nach den Vorstellungen der Verwaltung möglichst in der Innenstadt angesiedelt werden. Dafür bietet die Stadt Flächen auf dem Bosch-Areal an.
Darüber hinaus signalisiert die Kommune ihre Bereitschaft, sich über eine geeignete Gesellschaftsstruktur an der Umsetzung zu beteiligen. Damit geht der Vorschlag über eine reine Unterstützung des Projekts hinaus. Die Stadt stellt auch ein eigenes Engagement bei Organisation und Finanzierung in Aussicht.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der ambulanten Versorgung. Insbesondere im hausärztlichen und kinderärztlichen Bereich sieht die Stadt Handlungsbedarf. Auch die ambulante Notfallversorgung soll künftig sichergestellt werden, beispielsweise durch eine entsprechend ausgestattete Praxis.

Oberbürgermeister Tobias Degode sieht in dem Gutachten eine Grundlage, um die medizinische Versorgung in Leonberg neu aufzustellen. Die Stadt wolle Verantwortung übernehmen und den Landkreis einladen, sich an der Entwicklung zu beteiligen. Ziel sei eine wirtschaftlich tragfähige Lösung, die eine verlässliche medizinische Versorgung vor Ort ermöglicht.

Unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft des Krankenhauses
Die neuen Überlegungen stehen vor dem Hintergrund einer Auseinandersetzung über die künftige Ausrichtung des Standorts. In der bisherigen Medizinkonzeption 2030 des Klinikverbunds Südwest war Leonberg noch als Grund- und Regelversorger mit 195 Betten vorgesehen. Auch im Oktober 2025 hatte der Landkreis an diesem Zielbild festgehalten und bauliche Weiterentwicklungen beschlossen.

Im Herbst 2026 änderte sich die Perspektive. Die inzwischen bekannt gewordenen Überlegungen des Landkreises und des Klinikverbunds sehen einen weitgehenden Abbau der stationären Versorgung vor. Die Stadt Leonberg hatte diesen Kurs bereits öffentlich kritisiert und vor einem Verlust wichtiger medizinischer Angebote für den nördlichen Landkreis gewarnt.
Mit dem neuen Gutachten legt die Stadt nun einen eigenen Vorschlag vor. Dieser sieht zwar ebenfalls eine deutlich kleinere stationäre Struktur als bisher vor, soll aber zumindest eine medizinische Basisversorgung mit stationären Betten erhalten.

Übergang soll ohne Versorgungslücke gelingen
Für die Umsetzung bietet die Stadt dem Landkreis Gespräche über ein stufenweises Vorgehen an. Bis ein möglicher Neubau bezogen werden kann, soll die medizinische Versorgung zunächst am bisherigen Standort gesichert bleiben. Die Stadt erwartet deshalb Klarheit darüber, welche Leistungen in Leonberg während der Übergangszeit und anschließend dauerhaft angeboten werden.

Auch die bisherigen Überlegungen zu einem gemeinsamen Gesundheits-, Bildungs- und Wohncampus auf dem Fockental-Areal müssen vor dem Hintergrund der veränderten Krankenhausplanung neu bewertet werden.

Nach den Vorstellungen der Stadt soll bis zum ersten Halbjahr 2027 ein verbindlicher Fahrplan für die Weiterentwicklung des Gesundheitsstandorts vorliegen. Ob der Landkreis das vorgeschlagene Modell mitträgt und welche Aufgaben er künftig übernimmt, ist noch offen. Eine abschließende Entscheidung über die Zukunft des Krankenhausstandorts steht damit weiterhin aus.