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ENZKREIS, 03.11.2026 (rsr) – Die finanziellen Spielräume des Enzkreises werden immer enger. Für das Haushaltsjahr 2027 fehlen im Ergebnishaushalt rund 20 Millionen Euro. Dabei sind die Möglichkeiten zur weiteren Ausgabenkürzung nach Einschätzung der Kreisverwaltung weitgehend ausgeschöpft. Landrat Bastian Rosenau will dennoch vermeiden, die Städte und Gemeinden übermäßig zusätzlich zu belasten. Statt einer rechnerisch notwendigen Kreisumlage von rund 43 Prozent schlägt er dem Kreistag eine Anhebung von derzeit 36,5 auf 37,8 Prozent vor.
Die Zahlen machen deutlich, vor welchen Herausforderungen der Landkreis steht. In seiner Haushaltsrede beschrieb Rosenau die Situation als Defizit historischen Ausmaßes. Der vorgelegte Haushaltsentwurf enthalte zwar Ansätze zur Bewältigung der schwierigen Finanzlage, werde aber nicht ausreichen, um einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Die Kreisverwaltung habe bereits erhebliche Anstrengungen zur Konsolidierung unternommen. Im Zuge der Haushaltskonsolidierung 2024 seien die vorgesehenen Einsparziele sogar übertroffen worden. Weitere Einsparungen seien nach Darstellung des Landrats kaum noch möglich.
Kreisumlage soll moderat steigen
Mit der vorgeschlagenen Erhöhung der Kreisumlage soll der Hebesatz auf 37,8 Prozent steigen. In absoluten Zahlen bedeutet dies eine Steigerung um 5,2 Millionen Euro auf insgesamt 142,7 Millionen Euro. Um den Haushalt auszugleichen, müsste die Kreisumlage nach Berechnungen der Verwaltung allerdings auf rund 43 Prozent angehoben werden. Eine solche Belastung der Städte und Gemeinden kommt für Rosenau nicht infrage. Das Defizit solle deshalb zunächst beim Landkreis verbleiben, statt das Minus bei den Kommunen weiter zu erhöhen.
Auch für 2028 erwartet der Landrat keine Entspannung. Er kündigte deshalb an, die Fraktionen stärker in die finanzpolitischen Überlegungen einzubeziehen. Jede Fraktion soll einen finanzpolitischen Sprecher benennen, der gemeinsam mit der Verwaltung nach Lösungswegen für die kommenden Haushaltsjahre sucht.
Rosenau nutzte seine Rede zugleich für eine grundsätzliche Kritik an der Finanzpolitik von Bund und Land. Zwar werde auf Landes- und Bundesebene immer wieder betont, dass man die Sorgen der Kommunen ernst nehme. An einer grundlegenden Verbesserung ihrer finanziellen Ausstattung fehle es jedoch weiterhin. Viele gesetzliche Aufgaben würden in Berlin beschlossen, müssten aber vor Ort von den Städten, Gemeinden und Landkreisen umgesetzt und bezahlt werden.
Gerade im Sozialbereich wird diese Entwicklung nach Ansicht des Landrats besonders deutlich. Eingliederungshilfe, Hilfe zur Pflege, Kosten der Unterkunft und Jugendhilfe bilden seit Jahren den größten Ausgabenblock des Kreishaushalts. Ein erheblicher Teil dieser Leistungen beruht auf gesetzlichen Ansprüchen, über deren Umfang der Landkreis nicht selbst entscheiden kann. Wo eigene Handlungsmöglichkeiten bestehen, setzt die Verwaltung auf Sozialcontrolling, strategische Sozialplanung und eine Überprüfung der Wirksamkeit bestehender Angebote.
Krankenhaus Mühlacker bleibt ein Schwerpunkt
Eine erhebliche finanzielle Belastung stellen auch die Kliniken dar. Die im April getroffene Entscheidung zur Schließung des Krankenhauses Neuenbürg bezeichnete Rosenau als bitter, letztlich aber unvermeidbar. Gleichzeitig bekräftigte er seine Überzeugung, dass der Enzkreis weiterhin ein Krankenhaus im Kreisgebiet benötigt. Seine ganze Kraft wolle er deshalb dafür einsetzen, den Standort Mühlacker zu erhalten.
Für das Krankenhaus Mühlacker hat sich der Landkreis nach Rosenaus Worten für umfangreiche Investitionen in Neu- und Ausbau entschieden. Die damit verbundene finanzielle Belastung ist für den Enzkreis erheblich und wird die Handlungsspielräume des Kreises auf Jahre hinaus einschränken. Rosenau appellierte in diesem Zusammenhang auch an Bund und Land, den Landkreis bei der Finanzierung der Gesundheitsversorgung nicht allein zu lassen.
Schulen, Inklusion und Bevölkerungsschutz
Trotz der schwierigen Finanzlage sieht der Landkreis bei seinen Aufgaben im Schulbereich Fortschritte. Rosenau verwies auf die Entwicklung der Gustav-Heinemann-Schule in der Pforzheimer Sachsenstraße, die zumindest übergangsweise wieder über ein zentrales Gebäude für den G-Bereich verfügt. Weitere Räume in Ötisheim seien bereits in Betrieb, die Erweiterung an der Kaulbachstraße auf dem Buckenberg liege im Zeitplan. Im westlichen Enzkreis zeichne sich zudem eine Zusammenarbeit mit der Schule am Winterrain und der Gemeinde Straubenhardt ab.
Kritisch äußerte sich Rosenau zu den vom Land aufgrund des Lehrkräftemangels verkürzten Unterrichtszeiten. Um die dadurch entstehenden Betreuungslücken für Familien abzufedern, habe der Enzkreis gemeinsam mit freien Trägern eine Notbetreuung organisiert. Die Projekte „Kernzeit für Alle“ und „Kita für Alle“ seien verlängert worden. Eine Auswertung habe gezeigt, dass inklusive Angebote sowohl den Kindern als auch dem Betreuungspersonal zugutekommen können.
Auch der Bevölkerungsschutz gewinnt angesichts zunehmender Krisen und möglicher Katastrophenlagen an Bedeutung. Elf neue Feuerwehrfahrzeuge für den gesamten Enzkreis seien bestellt oder bereits geliefert. Weitere 30 Fahrzeuge befänden sich bei den Städten und Gemeinden im Zulauf. Das digitale Alarmierungssystem des Kreises werde grundlegend überarbeitet und durch eine zusätzliche Alarmierung über eine Mobilfunk-App ergänzt.
Das Katastrophenschutzlager in Maulbronn wurde ebenfalls erweitert. Dort stehen unter anderem mobile Hochwassersperren, mobile Tankstellen, Bautrockner und Heizgeräte bereit. Die fünf kreiseigenen Kreisregner für Vegetationsbrände hätten sich bereits bei einem ausgedehnten Waldbrand im Nationalpark Müritz bewährt. Mit der Kampagne „Sicher? – Sicher!“ will der Landkreis außerdem die Bevölkerung dazu bewegen, selbst Vorsorge für Krisensituationen zu treffen.
Wirtschaftsförderung soll Unternehmen beim Wandel unterstützen
Die angespannte wirtschaftliche Lage in der Region wirkt sich unmittelbar auf die kommunalen Finanzen aus. Rosenau verwies auf den Verlust Tausender Industriearbeitsplätze in der Region und die schwierige Situation vieler metallverarbeitender Betriebe. Schwache Konjunktur und steigende Kosten belasteten die Unternehmen und damit auch die Gewerbesteuereinnahmen der Städte und Gemeinden.
Die Wirtschaftsförderung des Enzkreises hat deshalb gemeinsam mit den Rathausspitzen verschiedene Gesprächs- und Unterstützungsformate entwickelt. Bestehende Unternehmen sollen bei der Suche nach neuen Märkten und Geschäftsfeldern unterstützt werden. Gerade für Betriebe mit einer starken Ausrichtung auf die Automobilindustrie könnten Luft- und Raumfahrt, Verteidigung oder Medizintechnik neue Perspektiven eröffnen.
Auch der Einsatz Künstlicher Intelligenz und der Aufbau eigener Vertriebsstrukturen stehen im Mittelpunkt. Mit dem Angebot „Sales Boost“ sollen Unternehmen dabei unterstützt werden, ein digitales Vertriebssystem aufzubauen. Darüber hinaus prüft der Landkreis die Einrichtung eines Wirtschaftsbeirats und eines Wirtschaftsausschusses der Kreistagsfraktionen.

Landratsamt Enzkreis. Foto infopress24.de
Verwaltung soll digitaler und effizienter werden
Auch innerhalb des Landratsamts stehen Veränderungen an. Mit einer strategischen Personalplanung 2031 untersucht die Verwaltung, welche Aufgaben und Stellen Potenzial für Digitalisierung und Automatisierung bieten. Hintergrund ist, dass nach Angaben Rosenaus in den kommenden fünf Jahren rund 20 Prozent der Beschäftigten in den Ruhestand oder in Pension gehen werden.
Als Beispiel nannte er den Einsatz einer fachspezifischen Künstlichen Intelligenz im Sachgebiet Wohngeld. Das Pilotprojekt mit dem Namen „Wohni“ wurde im August gestartet. Es soll zeigen, ob sich Arbeitsabläufe vereinfachen und frei werdende Kapazitäten dort einsetzen lassen, wo der Personalbedarf steigt. Kündigungen seien damit nicht verbunden, betonte der Landrat. Es gehe um natürliche Fluktuation und den Einsatz von Mitarbeitern in anderen Aufgabenbereichen.
Eine gute Nachricht hatte Rosenau für die Gebührenzahler: Die Müllgebühren sollen 2027 trotz der allgemeinen Kostensteigerungen konstant bleiben. Die Gebühren seien solide kalkuliert, auch wenn gewisse finanzielle Restrisiken verblieben.
Optimismus trotz schwieriger Aussichten
Bei aller Kritik an der finanziellen Ausstattung der Kommunen wollte Rosenau seine Haushaltsrede nicht als reine Krisenbeschreibung verstanden wissen. Er verwies auf die zahlreichen Leistungen, die im Landkreis trotz schwieriger Rahmenbedingungen erbracht würden, und würdigte insbesondere das Engagement der Mitarbeiter des Landratsamts sowie der vielen ehrenamtlich Tätigen.
Für die Jahre 2027 und 2028 rechnet er allerdings mit schwierigen Entscheidungen. Sollte es notwendig werden, Leistungen einzuschränken, werde dies sowohl die Verwaltung als auch den Kreistag erheblich beschäftigen. Dabei müsse der Blick auf die Menschen gerichtet bleiben, die von den Entscheidungen betroffen seien. Respekt und Empathie seien deshalb unverzichtbar.
Seinen persönlichen Optimismus gab der Landrat dennoch nicht auf. Das Glas sei für ihn weiterhin halb voll. Gleichzeitig machte seine Rede deutlich, dass der Enzkreis vor einer Phase steht, in der politische Prioritäten neu gesetzt und finanzielle Belastungen sorgfältig abgewogen werden müssen.
