EMILIA in Lehningen

Neue Wohngemeinschaft setzt auf Selbstbestimmung und Gemeinschaft statt Heimalltag

bei Georg Kost

Beim Rundgang durch die rund 380 Quadratmeter große Wohneinheit wurde das Konzept des individuellen Wohnens greifbar. Foto Georg Kost

TIEFENBRONN-LEHNINGEN, 28.07.2026 (rsr) – Wenn das Leben im eigenen Zuhause aufgrund von Alter, Krankheit oder Pflegebedürftigkeit zunehmend schwerfällt, bleibt häufig nur der Umzug in ein Pflegeheim. Mit dem Wohnkonzept EMILIA – Eigenständig Miteinander Leben im Alltag soll in Lehningen künftig ein anderer Weg möglich werden. In der Mühlhausener Straße entsteht derzeit eine ambulant betreute Wohngemeinschaft für acht Menschen, die trotz Unterstützungsbedarfs selbstbestimmt in ihrer Heimatgemeinde leben möchten. Bis März 2027 sollen die ersten Bewohner einziehen. Wie dieses Wohnmodell funktionieren soll und welche Chancen es für Betroffene, Angehörige und die Gemeinde bietet, stellten die Verantwortlichen am Montag bei einem Pressetermin in den neuen Räumlichkeiten vor.

Für Bürgermeister Frank Spottek ist die neue Wohngemeinschaft ein weiterer wichtiger Baustein der örtlichen Pflegeversorgung. Auf dem ehemaligen landwirtschaftlichen Anwesen sei mit der barrierefreien Wohnanlage ein zukunftsweisendes Projekt entstanden, das das bestehende Seniorenheim in Tiefenbronn sinnvoll ergänze. Ziel sei es, Menschen auch dann ein Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen, wenn sie im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind.

Die Wohngemeinschaft in Lehningen wurde nach dem Konzept Emilia entwickelt und präsentiert sich nach ihrer Fertigstellung barrierefrei und auf die Bedürfnisse der Menschen zugeschnitten. Beim Rundgang stellten der ehrenamtliche Vorstand der Baugenossenschaft Sindelfingen, Christian Zeisler, Damaris Schäberle von der Bereichsleitung Wohnen der Stiftung Innovation und Pflege sowie der Geschäftsführende Vorstand Ivica Grljsic das neue Konzept Bürgermeister Frank Spottek und Vertretern der Presse vor. (von links) Foto: Georg Kost

Beim Rundgang durch die rund 380 Quadratmeter große Wohngemeinschaft im Erdgeschoss wurde das Konzept bereits greifbar. Das Gebäude ist Teil eines neu entstandenen Wohnquartiers mit unterschiedlich großen, teilweise sozial geförderten Mietwohnungen sowie Eigentumswohnungen.
Im Erdgeschoss befindet sich die vollständig barrierefreie Wohngemeinschaft für acht Bewohnerinnen und Bewohner. Jeder verfügt über ein eigenes Zimmer mit Sanitärbereich von rund 48 Quadratmetern, das individuell eingerichtet werden kann. Großzügige Gemeinschaftsräume bilden den Mittelpunkt des täglichen Zusammenlebens und sollen eine familiäre Atmosphäre schaffen.

Geplant und entwickelt wurde das Projekt von der Baugenossenschaft Sindelfingen eG. Deren ehrenamtlicher Vorstand Christian Zeisler erläuterte, dass bei der Entwicklung des Quartiers bewusst unterschiedliche Wohnformen miteinander verbunden wurden. Den Betrieb der Wohngemeinschaft übernimmt künftig die Stiftung Innovation & Pflege.

Deren geschäftsführender Vorstand Ivica Grljusic erläuterte, dass die Wohngemeinschaft das bestehende Pflegeangebot sinnvoll ergänzen soll. Sie richte sich nicht ausschließlich an Seniorinnen und Senioren, sondern ebenso an jüngere Menschen mit hohem Pflege- oder Unterstützungsbedarf. Das Wohnmodell verstehe sich als Alternative zum klassischen Pflegeheim für Menschen, die nicht mehr alleine wohnen können, ihr gewohntes Lebensumfeld jedoch nicht aufgeben möchten.

Für Damaris Schäberle, Bereichsleiterin Wohnen der Stiftung Innovation & Pflege, ist EMILIA das „Steckenpferd“ der Stiftung. Anders als in vielen stationären Einrichtungen gebe es hier keine starren Tagesabläufe. Die Bewohner bestimmten gemeinsam mit ihren Angehörigen ihren Alltag selbst. Wann gemeinsam gegessen wird, welche Aktivitäten stattfinden oder wann Rückzug gewünscht ist, orientiere sich an den persönlichen Bedürfnissen und nicht an festen Zeitplänen. Diese individuelle Gestaltung des Alltags sei der zentrale Gedanke des Konzepts.

EMILIA wurde speziell für ältere Menschen, Pflegebedürftige, chronisch Kranke sowie Menschen mit Behinderungen entwickelt. Jeder Bewohner kann sich jederzeit in seinen privaten Wohnbereich zurückziehen oder am gemeinschaftlichen Leben teilnehmen. Eine Präsenzkraft ist rund um die Uhr vor Ort, unterstützt im Alltag und steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Die pflegerische Versorgung erfolgt ergänzend durch ambulante Pflegeleistungen, die sich am individuellen Unterstützungsbedarf orientieren.

Nach den Erfahrungen der Stiftung wünschen sich viele Betroffene, trotz Pflegebedürftigkeit in ihrer Heimatgemeinde wohnen zu bleiben. Genau hier setzt das Konzept an. Die Wohngemeinschaft soll den Bewohnern ermöglichen, ihre sozialen Kontakte zu erhalten und weiterhin am Leben in ihrer vertrauten Umgebung teilzunehmen. Deshalb setzt die Stiftung bewusst auf die Einbindung örtlicher Netzwerke. Ehrenamtliche, Nachbarschaftshilfen, Besuchsdienste und Vereine sollen das Leben in der Wohngemeinschaft bereichern und werden ausdrücklich zur Mitarbeit eingeladen.

Mit dem neuen Angebot entstehen zugleich zusätzliche Arbeitsplätze in Tiefenbronn. Gesucht werden Pflegefachkräfte ebenso wie Hilfskräfte, die den Alltag der Bewohner begleiten und die Betreuung sicherstellen. Die Stiftung sieht darin einen weiteren Beitrag zur Stärkung der sozialen Infrastruktur in der Gemeinde.

Individuelles Wohnen in Gemeinschaft. Ab Februar 2027 sollen die im Erdgeschoß der Wohnanlage befindlichen acht Wohnungen an der Mühlhausener Straße belegt sein. Foto Georg Kost

Nicht für jeden Interessenten ist die Wohnform allerdings geeignet. Wie Ivica Grljusic erläuterte, können bestimmte Krankheitsbilder oder Verhaltensweisen einem gemeinschaftlichen Zusammenleben entgegenstehen. Entwickeln sich solche Einschränkungen erst während des Aufenthalts, könne unter Umständen ein Wechsel in eine stationäre Pflegeeinrichtung notwendig werden.

Auch die Kosten wurden beim Pressetermin offen angesprochen. Nach derzeitiger Kalkulation liegt der monatliche Eigenanteil bei rund 2.900 Euro je Wohnplatz. Darin enthalten sind sämtliche Wohn- und Betreuungskosten einschließlich der gemeinsamen Haushaltskasse. Je nach Pflegegrad können Leistungen der Pflegeversicherung und weitere Unterstützungsangebote zur Finanzierung beitragen.

Mit der neuen Wohngemeinschaft in Lehningen entsteht eines der bislang wenigen Wohnangebote dieser Art in Baden-Württemberg. Das Modell verbindet individuelle Betreuung mit gemeinschaftlichem Wohnen und verfolgt das Ziel, Menschen trotz Pflege- und Unterstützungsbedarf ein möglichst selbstbestimmtes Leben in ihrer vertrauten Umgebung zu ermöglichen. Bis März 2027 sollen die ersten Bewohner in die neue EMILIA-Wohngemeinschaft einziehen.