Eine Woche Ausnahmezustand in Hamberg

Wie eine kleine Slotracing-Gemeinschaft die Weltmeisterschaft nach Neuhausen holte

bei Georg Kost

Markus Schrod und Gregory Pilarsch holten die Weltmeisterschaft im Wing Car Slot Racing nach Hamberg und sind guter Dinge, dass in fünf Jahren eine weiter folgt. Foto: Georg Kost

NEUHAUSEN-HAMBERG, 19.05.2026 (rsr) – Mit dem letzten Zieleinlauf der Königsklasse G7 endete am Sonntagabend eine Motorsportwoche, die Neuhausen-Hamberg weit über die Grenzen des Enzkreises hinaus bekannt gemacht hat. Sieben Tage lang war die Halle am Sportplatz des 1. FC Alemannia Hamberg Zentrum der internationalen Wing-Car-Slot-Racing-Szene – einer technisch hochentwickelten Modellrennsportart, die selbst vielen Motorsportfans bislang kaum bekannt war.

Fahrer aus Südamerika, Nordamerika, der Karibik und Europa standen an den Reglern ihrer bis ins Detail optimierten Miniatur-Rennwagen, während auf der legendären „Blue King“-Bahn im Sekundentakt Bestzeiten fielen. Doch im Mittelpunkt dieser Weltmeisterschaft standen nicht nur die schnellsten Slotcars der Welt. Es war vor allem die Geschichte zweier Enthusiasten und eines kleinen Vereins, die diese Veranstaltung zu etwas Besonderem machte. Denn dass eine Weltmeisterschaft dieser Größenordnung überhaupt nach Hamberg kam, galt lange als kaum vorstellbar.

Vom Nischenhobby zur Weltmeisterschaft
Hinter der Veranstaltung stehen Markus Schrod und Gregory Pilarsch vom ausrichtenden Verein Black Forest Slotracing Hamberg/The Länd. Über Monate hinweg organisierten sie nahezu jede Einzelheit selbst – von der Infrastruktur über die Rennorganisation bis hin zur technischen Vorbereitung der Bahn. Was nach außen wie ein professionell eingespieltes Motorsportevent wirkte, beruhte in Wirklichkeit auf enormem ehrenamtlichem Einsatz.

Schon eine Woche vor dem offiziellen Trainingsbeginn liefen in der Halle die Vorbereitungen auf Hochtouren. Kabel wurden verlegt, Monitore installiert, Zeitmessungen getestet, Fahrerplätze eingerichtet und die berühmte achtspurige „Blue King“-Bahn auf Weltmeisterschaftsniveau gebracht.

Weltmeisterschaft im Wingcar Racing 2026.  Foto Georg Kost

Als am 10. Mai die ersten Trainingsfahrten begannen, lag bereits internationales Flair über Hamberg. Seit den Morgenstunden schossen die hochgezüchteten Flügelautos über die 47,244 Meter lange Bahn, während nach und nach Teilnehmer aus aller Welt eintrafen. Bis zum offiziellen Rennstart am Dienstag füllte sich das Fahrerlager mit Teams aus Argentinien, Brasilien, den USA, Kanada, mehreren karibischen Staaten sowie aus Finnland, Schweden und Deutschland.

Für viele Besucher war es die erste Begegnung mit Wing Car Slot Racing – einer Motorsportdisziplin, die höchste Präzision verlangt. Die Fahrzeuge erreichen enorme Geschwindigkeiten, sind aerodynamisch mit markanten Flügeln optimiert und bestehen aus in Handarbeit gefertigten Chassis, Motoren und Karosserien. Jeder Fahrer entwickelt sein Material individuell weiter.

Dass eine derart spezialisierte Weltmeisterschaft ausgerechnet in Hamberg Station machte, sorgte selbst in der Szene für Aufmerksamkeit. Nach den Austragungen in São Paulo 2024 und New York 2025 war Neuhausen-Hamberg nun erstmals Gastgeber des internationalen Wettbewerbs.

Ein Verein wächst über sich hinaus
Für Markus Schrod war die Weltmeisterschaft weit mehr als nur eine Rennveranstaltung. Sie sollte zeigen, dass der Sport eine größere Bühne verdient.

Die Resonanz während der gesamten Woche bestätigte diesen Anspruch eindrucksvoll. Zahlreiche Besucher nutzten die Gelegenheit, die schnellen Modellrennwagen aus nächster Nähe zu erleben. In der Halle, im Außenbereich und selbst in der Vereinsgaststätte konnten die Rennen über mehrere Bildschirme live verfolgt werden. Besonders an den Feiertagen und rund um die WM-Party am Freitag herrschte reger Betrieb.

„Wir hoffen, dass sich diese Veranstaltung etablieren kann“, erklärte Markus Schrod am Finaltag. Die Weltmeisterschaft habe gezeigt, welches Potenzial in dem Sport und im Verein stecke. Die große Aufmerksamkeit der vergangenen Tage könne für Black Forest Slotracing Hamberg langfristig eine wichtige Entwicklung anstoßen.

Dabei mussten Schrod und Pilarsch während der gesamten Woche einen Kraftakt bewältigen. Beide waren nicht nur Organisatoren, sondern gleichzeitig aktive Fahrer. Während andere Teilnehmer ihre volle Konzentration auf Abstimmung, Material und Rennen richten konnten, standen die beiden Gastgeber permanent zwischen Rennleitung, Technik, Zeitplan und Gästebetreuung.

Die Belastung blieb nicht ohne Folgen. Zwar gelang Gregory Pilarsch mit Rang drei in der Klasse G12 ein Podestplatz, sportlich blieb die Ausbeute der Gastgeber insgesamt jedoch hinter den eigenen Möglichkeiten zurück. Für Markus Schrod kam das wenig überraschend. Die Doppelrolle aus Organisation und Wettbewerb habe höchste Konzentration verlangt. Irgendwann müsse man Prioritäten setzen – und diese habe klar auf dem Gelingen der Weltmeisterschaft gelegen.

Präzisionssport im Maßstab der Extreme
Sportlich bot die Woche dennoch alles, was die Szene erwartet hatte. Gefahren wurde täglich ab 10 Uhr, zunächst mit technischer Wagenabnahme und Qualifikation, anschließend folgten die Gruppenrennen der jeweiligen Klassen.

Etwas über 2000 Felgen für die Modellrennwagen wurden eigens in einer Dreherei in Hamberg gefertigt. Foto Georg Kost

Den Auftakt machte am Dienstag die Klasse Gruppe 12, gefolgt von Gruppe 27 Light und der technisch anspruchsvollen Gruppe 27 Pro am Vatertag. Mit zusätzlicher Bewirtung und Bierwagen entwickelte sich der Donnerstag zu einem der publikumsstärksten Tage der Woche. Am Freitag lockte die WM-Party samt Publikumsrennen zahlreiche Gäste in die Halle, bevor am Wochenende mit OMO und schließlich G7 die leistungsstärksten Klassen auf dem Programm standen.

Gerade die offene G7-Klasse gilt in der Szene als technische Königsklasse. Hier sind nahezu alle technischen Möglichkeiten erlaubt – sogar Motorwechsel zwischen einzelnen Läufen. Entsprechend spektakulär präsentierten sich die Fahrzeuge auf der Bahn.

Ein Rennen besteht aus acht Durchgängen über jeweils vier Minuten. Da jeder Fahrer auf allen acht Spuren antreten muss, entscheiden nicht nur Geschwindigkeit, sondern vor allem Konstanz, Materialabstimmung und höchste Konzentration über Sieg oder Niederlage. Bereits kleinste Fehler können bei den extrem schnellen Wing Cars mehrere Runden kosten.

Für Zuschauer entwickelte gerade dieser Mix aus Technik, Tempo und Präzision einen besonderen Reiz. Immer wieder blieben Besucher staunend an der Bahn stehen, wenn die filigranen Fahrzeuge mit beinahe unglaublicher Geschwindigkeit über die Kurven jagten.

Hamberg rückt in den Fokus der Szene
Mit dem Ende der ersten Wing-Car-Slot-Racing-Weltmeisterschaft in Neuhausen-Hamberg endet für die Organisatoren eine intensive Woche – zugleich könnte sie jedoch erst der Anfang gewesen sein.

Die internationale Resonanz, die hohe Besucherzahl und die professionelle Durchführung haben gezeigt, dass auch ein vergleichsweise kleiner Verein ein Motorsportevent mit weltweiter Aufmerksamkeit stemmen kann. Für Black Forest Slotracing Hamberg dürfte diese Weltmeisterschaft deshalb weit mehr gewesen sein als nur ein sportlicher Wettbewerb.

Sie war Werbung für einen außergewöhnlichen Hobby- und Präzisionssport – und ein Beweis dafür, wie viel Leidenschaft und ehrenamtliches Engagement in einer kleinen Szene stecken können.