
Gunter Krichbaum (l) und Nico Gunzelmann (Mitte) stellten sich den Fragen von Besuchern der Veranstaltung des CDU Ortsverein Tiefenbronn, die der Vorsitzende der Tiefenbronner CDU, Stefan Kunle (r.) moderierte. Foto: Georg Kost
TIEFENBRONN, 18.09.2026 (rsr) – Politische Entscheidungen in Berlin und Stuttgart wirken auf den ersten Blick weit entfernt vom Alltag einer Gemeinde. Tatsächlich reichen ihre Folgen bis in die Rathäuser und privaten Haushalte. Um genau diese Verbindung ging es bei der Podiumsdiskussion „Bürger fragen … Politik antwortet“, zu der der CDU-Ortsverein Tiefenbronn am Donnerstagabend in die Gemmingenhalle eingeladen hatte. Rund 40 Besucher diskutierten mit Gunther Krichbaum, Mitglied des Deutschen Bundestages und Staatsminister im Auswärtigen Amt, sowie Nico Gunzelmann, Mitglied des baden-württembergischen Landtags, über die wirtschaftliche Lage, kommunale Finanzen, Sozialstaat, Migration, Energiepreise und internationale Konflikte. Moderiert wurde der rund zweistündige Abend vom Vorsitzenden des CDU-Ortsvereins Tiefenbronn, Stefan Kunle.
Krichbaum vertritt im Bundestag den Wahlkreis Pforzheim und ist seit Mai 2025 Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt. Gunzelmann gehört seit der Landtagswahl 2026 dem baden-württembergischen Landtag an und vertritt dort den Wahlkreis Enz.
Im Mittelpunkt sollte ausdrücklich der direkte Austausch stehen. Die Besucher konnten Fragen, Kritik und persönliche Anliegen einbringen. Dabei wurde schnell deutlich, dass viele der angesprochenen Probleme miteinander verbunden sind: Kommunen kämpfen mit wachsenden Aufgaben und begrenzten finanziellen Spielräumen, während gleichzeitig Krankenversicherung, Pflege und Rente vor erheblichen finanziellen Herausforderungen stehen. Internationale Konflikte wirken sich wiederum auf Energiepreise, Wirtschaft und Verbraucher aus.
Kommunen geraten finanziell unter Druck
Besonders deutlich wurde dies bei der Situation der Kommunen. Stefan Kunle stellte die Frage, wie Gemeinden finanziell wieder auf eine solide Grundlage gestellt werden könnten, wenn Einnahmen und zu erfüllende Aufgaben immer weiter auseinanderliefen und gleichzeitig Steuererhöhungen im Raum stünden.
Im Zentrum stand dabei das Missverhältnis zwischen kommunalen Aufgaben und den damit verbundenen Belastungen. Sozialausgaben und die Kreisumlage engen die finanziellen Spielräume der Gemeinden zusätzlich ein. Zugleich wurde davor gewarnt, staatliche Ausgaben pauschal infrage zu stellen, da ein erheblicher Teil auf Pflichtaufgaben entfällt. Eine einfache Lösung für das Problem zeichnete sich in der Diskussion nicht ab. Die Möglichkeiten der Kommunen seien begrenzt. Eine „Zitrone“ könne man „nicht unendlich ausquetschen“, machte Gunzelmann die Situation deutlich.
Auf Bundesebene rückte damit auch die Frage nach möglichen Einschnitten im Sozialbereich in den Blick. Krichbaum brachte entsprechende Veränderungen ins Gespräch, ohne konkrete Leistungen zu benennen. Gerade daran wurde der politische Zielkonflikt sichtbar: Der Handlungsdruck bei den öffentlichen Haushalten ist groß, zugleich betreffen mögliche Einsparungen unmittelbar Menschen und soziale Sicherungssysteme.
Wirtschaft unter dem Einfluss internationaler Krisen
Ähnlich eng miteinander verbunden wurden die wirtschaftlichen Belastungen für Staat, Unternehmen und private Haushalte mit der internationalen Lage. Krichbaum verwies auf die Auswirkungen von Kriegen und internationalen Konflikten. Politische Entscheidungen könnten zwar in Berlin oder Stuttgart getroffen werden, ihre wirtschaftlichen Folgen hingen jedoch ebenso von internationalen Entwicklungen, Energiepreisen und den Rahmenbedingungen auf den Märkten ab.
„Kann mich nicht entsinnen, das uns Kriege so durchgeschüttelt haben“, sagte Krichbaum mit Blick auf die gegenwärtige Situation.
Aus Sicht Gunzelmanns braucht es angesichts der Vielzahl an Belastungen rasche und wirksame politische Maßnahmen. Viele Menschen seien inzwischen in unterschiedlichen Lebensbereichen überfordert. Gleichzeitig wurde deutlich, dass politische Entscheidungen nicht beliebig schnell getroffen und ihre Folgen nicht unmittelbar korrigiert werden können. Bei bestimmten Maßnahmen werde man „nicht so einfach wegschauen“ können, so Krichbaum.
Sozialstaat, Migration und innere Sicherheit
Breiten Raum nahmen auch die Themen Kranken- und Pflegeversicherung, Rente, Erbschaftsteuer, Energiesteuern, Migration und innere Sicherheit ein. Dabei zeigte sich erneut die enge Verbindung der einzelnen Politikfelder. Migration betrifft beispielsweise kommunale Finanzen, Wohnraum und soziale Sicherungssysteme, während internationale Konflikte zugleich wirtschaftliche und energiepolitische Folgen haben.
CDU sieht Defizite bei der eigenen Kommunikation
Überraschend selbstkritisch fiel der Blick auf die eigene Partei aus. Bei der politischen Kommunikation nach außen sahen die beiden CDU-Politiker deutlichen Nachholbedarf. Vor allem die Bedeutung sozialer Medien habe die CDU mit Blick auf jüngere Menschen zu lange unterschätzt. Teile der jungen Generation würden dadurch politisch nicht ausreichend erreicht.
Daneben ging es um die Frage, wie eine Partei in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft überhaupt noch Gehör findet. Krichbaum forderte ein entschlosseneres Auftreten der CDU. Die gesellschaftliche Spaltung dürfe nicht weiter zunehmen, weshalb die Partei deutlicher auftreten müsse.
Damit rückte neben den politischen Inhalten auch deren Vermittlung in den Mittelpunkt. Entscheidungen müssen nicht nur getroffen, sondern gegenüber einer zunehmend skeptischen Öffentlichkeit verständlich erklärt werden. Gerade in sozialen Netzwerken konkurrieren Parteien dabei mit einer Vielzahl anderer Informationsquellen.
Bundesregierung und politische Verantwortung
Auch die aktuelle Lage der Bundesregierung wurde angesprochen. Zur Sprache kamen die Umfragewerte für Bundeskanzler Friedrich Merz, die Stimmung innerhalb der Koalition und der Eindruck politischer Fehlentscheidungen.
Für Krichbaum ist eine Minderheitenregierung keine tragfähige Alternative. Er verwies auf die Bedeutung stabiler Mehrheiten für die politische Handlungsfähigkeit. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die CDU selbst unter erheblichem Druck steht, ihre politischen Entscheidungen gegenüber einer zunehmend skeptischen Öffentlichkeit besser zu erklären.
Die Diskussion reichte dabei bis zu den gesellschaftlichen Grundlagen der Demokratie. Gunzelmann verband dies mit der Sorge, dass die Demokratie christliche Werte verliere. Damit ging der Abend über konkrete Sachfragen hinaus und berührte auch die Frage, welche Werte politische Entscheidungen in einer zunehmend vielfältigen Gesellschaft prägen sollen.
Weniger Bürgerinnen und Bürger als erhofft
Eine gewisse Spannung lag allerdings bereits in der Zusammensetzung des Publikums. Zwar waren rund 40 Teilnehmer gekommen, darunter jedoch zahlreiche CDU-Mitglieder und Funktionsträger aus dem Enzkreis und dem Raum Pforzheim. Bürgerinnen und Bürger ohne erkennbare Parteibindung waren deutlich weniger vertreten, obwohl explizit eingeladen. Stefan Kunle bedauerte dies am Rande der Veranstaltung. Gerade Menschen, die nicht regelmäßig an Parteiveranstaltungen teilnehmen, hätten an diesem Abend die Möglichkeit gehabt, ihre Fragen und Erwartungen unmittelbar an die beiden Abgeordneten zu richten.
Zum Ende ging es deshalb noch einmal um das politische Vertrauen. Krichbaum sagte, die CDU habe „die Trümpfe in der Hand“, müsse diese aber auch ausspielen. Dafür müsse sich die Partei kommunikativ besser verkaufen und „eine Schippe drauflegen“. Aus dem Publikum kam daraufhin der Zwischenruf, dafür seien „zwei Schippen“ erforderlich.
