Zwischen Alltag und Bühne

Wie aus einem offenen Prozess ein bemerkenswerter Theaterabend wurde

bei Georg Kost

Das Stück „Nicht fertig werden oder Alltag in Neuhausen“ begeisterte die Besucher in der Theaterschachtel in Neuhausen . Foto© Georg Kost

NEUHAUSEN, 30.03.2026 (rsr) – Es ist ein Zustand, den viele kennen: Dinge bleiben liegen, Gedanken kreisen, Gespräche enden offen. Nichts ist wirklich abgeschlossen – und genau darin spiegelt sich oft der Alltag. „Nicht fertig werden oder Alltag in Neuhausen“ greift dieses Gefühl auf und macht es zum künstlerischen Prinzip. Das gleichnamige Theaterprojekt in der Theaterschachtel zeigt, wie aus Unfertigem etwas Eigenständiges entstehen kann – kritisch, nahbar und bewusst ohne endgültige Antworten.

Ein Anfang ohne fertigen Text
Als sich im Oktober 2025 in der Theaterschachtel zum ersten Mal eine kleine Gruppe traf, bestehend ausschließlich aus Frauen, war eines von Beginn an klar: Ein fertiges Stück gab es nicht. Unter der Leitung von Selda Falke sollte alles erst im Prozess entstehen. Improvisation statt Skript, Begegnung statt Vorgabe.
Diese Ausgangssituation war Programm. Die Teilnehmerinnen näherten sich dem Theater nicht über Rollen, sondern über sich selbst. Szenen entwickelten sich aus Gesprächen, aus Beobachtungen, aus Momenten, die jede aus ihrem Alltag mitbrachte. Was funktionierte, blieb. Was nicht überzeugte, wurde verworfen – und neu gedacht.

Der kreative Prozess: Suchen, verwerfen, neu beginnen
In den folgenden Monaten entstand Schritt für Schritt ein vielschichtiger Theaterabend. Der Probenraum wurde zum Experimentierfeld. Ideen wurden ausprobiert, verändert, miteinander verwoben. Musikalische Übergänge verbanden die einzelnen Szenen, während persönliche Monologe dem Stück eine überraschende Tiefe verliehen.
Das Ergebnis war kein klassisches Theater im engeren Sinne. Vielmehr entwickelte sich ein lebendiger Blick auf den Alltag – mit all seinen Widersprüchen. Zwischen humorvollen Episoden und stillen, nachdenklichen Momenten entstand ein Panorama des Lebens in und um Neuhausen.

Theaterstück – Nicht fertig werden. Foto© Georg Kost
Das Ensemble mit Nicole Burgert, Carolin Kröner, Sabine Hecker, Selda Falke, Isabelle Barkmeijer und Elisabeth Ulrich. (v.l.) Foto© Georg Kost
Theaterstück – Nicht fertig werden. Foto© Georg Kost

Erzählt werden kleine, scheinbar beiläufige Geschichten: Gespräche in der Bäckerei, ein Frauenfrühstück, erste Verliebtheit, ein Behördengang im Rathaus. Auch ernste Themen finden ihren Platz – der Besuch auf dem Friedhof, Fragen nach Tod und Erinnerung. Immer wieder blitzen Klischees auf, werden zugespitzt und im nächsten Moment hinterfragt oder aufgelöst.

Alltag als Spiegel gesellschaftlicher Fragen
Gerade in dieser Mischung liegt die Stärke des Stücks. Selda Falke ist es gelungen, aus relativ wenig viel zu schaffen und damit einen Spiegel der Gesellschaft zu zeigen, der von Menschlichkeit geprägt ist – mit all seinen Zweifeln, Ängsten, Sorgen und auch Gleichgültigkeit. Dabei ist es letztlich egal, wo das Stück spielt; es könnte sich überall so zutragen oder jederzeit zutragen können.
Und ob das, was sich da in Neuhausen zugetragen haben könnte, tatsächlich so geschehen ist? Schließlich hat man ja nur etwas gehört und eigentlich weiß man gar nicht so richtig, ob alles stimmt – oder waren es doch nur Gerüchte?
Auch solche Momente finden sich im Stück wieder und greifen die Dynamik eines Dorfes auf, in dem Geschichten entstehen, weitererzählt und verändert werden.
„Nicht fertig werden“ hält dem Publikum damit immer wieder den Spiegel vor, ohne belehrend zu wirken. Es thematisiert soziale Dynamiken, unausgesprochene Erwartungen und den Druck öffentlicher Wahrnehmung.
Auch aktuelle Themen finden ihren Weg auf die Bühne: der Einfluss sozialer Medien, Fragen nach Identität und Authentizität, sogar die Debatte um Sprache und Gendern.
Dabei bleibt das Stück bewusst offen. Es stellt Fragen, ohne sie abschließend zu beantworten. Es irritiert, regt an und lässt Raum für eigene Gedanken.

Die Handschrift von Selda Falke
Selda Falke verfolgt in ihrer Arbeit einen Ansatz, der den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Nicht der fertige Text ist Ausgangspunkt, sondern die Erfahrungen der Beteiligten. Improvisation, persönliche Geschichten und individuelle Talente bilden das Material, aus dem sich das Stück entwickelt.
Dieser Zugang verlangt Mut – von allen Beteiligten. Die fünf Darstellerinnen tragen den Abend mit großer Präsenz. Sie wechseln zwischen Spielszenen, Monologen und improvisierten Momenten und schaffen es, Authentizität auf die Bühne zu bringen.
Das Publikum wird dabei nicht nur zum Zuschauer, sondern zum Begleiter eines künstlerischen Prozesses. Man erlebt nicht nur das Ergebnis, sondern spürt auch den Weg dorthin.

Vom Jubiläumsprojekt zur eigenständigen Produktion
Seinen Ursprung hatte das Projekt im Jubiläumsjahr „50 Jahre Gemeinde Neuhausen“. Unter dem Arbeitstitel „Vier Dörfer, ein Theater“ sollte ein Stück entstehen, das Menschen aus Neuhausen sowie den Ortsteilen Steinegg, Hamberg und Schellbronn verbindet.
Schon beim ersten Treffen war eine gewisse Aufbruchsstimmung spürbar. Ideen wurden ausgetauscht, erste Ansätze entwickelt. Dass sich schließlich ausschließlich Frauen für das Projekt fanden, verlieh dem Stück eine eigene Perspektive – ohne dass dies je zum erklärten Konzept wurde.
Was als offenes Mitmachprojekt begann, entwickelte sich im Laufe der Monate zu einer eigenständigen Produktion mit klarer künstlerischer Handschrift.

Ein vorläufiges Ende – und viele offene Fragen
Die beiden Aufführungen bildeten nun den vorläufigen Abschluss dieses Prozesses – und wurden vom Publikum begeistert aufgenommen. Ausverkaufte Abende und große Resonanz sprechen für sich.
Dass eine weitere Aufführung kurzfristig abgesagt werden musste, soll nach Möglichkeit nachgeholt werden. Ein endgültiger Schlusspunkt würde ohnehin nicht zum Charakter dieses Projekts passen. Denn „Nicht fertig werden“ bleibt sich treu: Es endet, wie es begonnen hat – offen. Vielleicht ist genau das seine größte Stärke.

Es spielten: Isabelle Barkmeijer, Nicole Burgert, Sabine Hecker, Carolin Kröner und Elisabeth Ulrich. Regie Selda Falke

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