
Ein Staubsauger, ein Radio, ein Petticoat und zwei nichtsahnende Zuschauer – mehr braucht „Madam Buqu“ nicht, um die Theaterschachtel in eine turbulente Bühne zu verwandeln. Foto: Georg Kost
NEUHAUSEN, 09.08.2026 (rsr) – Ein Staubsauger, ein Radio, ein Petticoat und zwei nichtsahnende Zuschauer – mehr braucht Rita Bückert alias „Madam Buqu“ nicht, um die Theaterschachtel in eine turbulente Bühne für Komik, Akrobatik und überraschende Wendungen zu verwandeln. Beim Sommerfest des Fördervereins der Theaterschachtel in Neuhausen wurde am Samstag gelacht, gestaunt und kräftig applaudiert. Schon die jüngsten Akteurinnen und Akteure hatten zuvor mit ihren ersten eigenen Theaterszenen das Publikum begeistert. Bei bestem Sommerwetter entwickelte sich das Fest zu einem Nachmittag, an dem Theater, Spielfreude und geselliges Beisammensein auf besondere Weise ineinandergriffen.
Zahlreiche Besucherinnen und Besucher waren zur Theaterschachtel gekommen und ließen sich vom abwechslungsreichen Programm in den Bann ziehen, zu welchem Oliver Köppe, Vorsitzenden des Fördervereins der Theaterschachtel begrüßte. Sein Dank galt den vielen helfenden Händen, die dafür sorgten, dass das Fest vor und hinter der Bühne gelingen konnte. Stellvertretend für den Förderverein nannte er Gudrun Augustin-Eble, Annette Rabe und Bettina Kallinich.

Berenike Felger (rechts) suchte in den Pausen den Kontakt zu den Gästen. Foto: Georg Kost
Der erste Auftritt des Nachmittags gehörte den Kindern, die im Rahmen eines Ferienangebots an einem Theaterworkshop teilgenommen hatten. Mädchen und Jungen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren standen auf der Bühne und präsentierten, was sie gemeinsam mit ihrer Leiterin Berenike Felger erarbeitet hatten. Mit „Die sieben Zwerge“ und „Ein Restaurantbesuch in der Theaterschachtel“ zeigten sie zwei kleine Szenen, in denen es nicht nur um das Auswendiglernen von Texten ging. Im Mittelpunkt stand vielmehr das spielerische Entdecken. Die Kinder hatten ausprobiert, was sich mit Stimme, Körper und Bewegung erzählen lässt, waren in unterschiedliche Rollen geschlüpft und hatten gemeinsam Szenen entwickelt.

Rita Bückert als „Madam Buqu“. Foto: Georg Kost
Was im Workshop noch ausprobiert und eingeübt worden war, bekam nun vor Publikum seine eigene Dynamik. Die Freude am Spiel war dabei ebenso spürbar wie der Mut, sich vor zahlreichen Zuschauerinnen und Zuschauern auf die Bühne zu stellen. Der Applaus ließ entsprechend nicht lange auf sich warten.
Danach wurde es ausgesprochen skurril. Als Special Guest war Rita Bückert mit ihrer „Happy Stoto-Show“ angekündigt. Eigentlich hätte Heinz Herrmann auftreten sollen, musste jedoch krankheitsbedingt absagen. Anne von der Vring und der Förderverein präsentierten stattdessen Rita Bückert als „Madam Buqu“ – und die erwies sich schnell als äußerst eigenwillige Hausfrau.
Im Stil einer Hausfrau der 1960er-Jahre betritt Madam Buqu die Theaterschachtel. Der Handstaubsauger wird zum wichtigsten Utensil des Haushalts, das Radio zum Gesprächspartner. Doch zwischen Staubsaugen und Alltagstrott wächst der Wunsch nach Veränderung. Die Einsamkeit und die immer gleichen Abläufe sind ihr zu viel. Madam Buqu beschließt, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.
Was folgt, ist eine clowneske und akrobatische Mischung aus Slapstick, Artistik und körperlichem Theater. Bückert braucht dafür keine große Kulisse. Ihre Körpersprache, ein hohes Maß an akrobatischem Können und der genaue Blick für den richtigen Moment reichen aus. Und dann werden kurzerhand zwei männliche Zuschauer zu Mitspielern. Völlig unvorbereitet finden sie sich plötzlich mitten im Geschehen wieder und werden Teil eines leidenschaftlichen Trios.

Madam Buqu mit ihren völlig unvorbereiteten Mitspielern, die sich mitten im Geschehen wiederfinden. Foto: Georg Kost
Die „Happy Stoto-Show“ spielt dabei mit den Rollenbildern vergangener Jahrzehnte, ohne ihre Botschaft schwer zu machen. Die Emanzipation der Frau wird über Humor, Bewegung und Übertreibung erzählt. Aus der scheinbar pflichtbewussten Hausfrau wird eine Figur, die sich aus den Zwängen ihres Alltags befreit und ihr Leben neu sortiert. Das Publikum reagierte mit Lachen, Staunen und immer wieder spontanem Beifall.
Rita Bückert hat ihre Artistenausbildung an der Zirkusschule CAU im spanischen Granada absolviert, mit den Schwerpunkten Akrobatik, Trapez und Clownerie. Als „Madam Buqu“ ist sie mit ihrer skurrilen Show auf Straßen- und Varieté-Festivals unterwegs.
In Neuhausen wurde aus dem mobilen Straßentheater eine unmittelbare Begegnung mit dem Publikum. Die Grenze zwischen Bühne und Zuschauerraum war dabei zeitweise kaum noch auszumachen.
Doch das Sommerfest bestand nicht nur aus Theater. Rund um die Aufführungen wurde gegessen, getrunken, gerätselt und miteinander gesprochen. Das Fördervereinsteam hatte für Kaffee und selbstgebackenen Kuchen ebenso gesorgt wie für kühle Getränke, Pommes und Spezialitäten vom Grill. Das Sommerrätsel sorgte zusätzlich für Unterhaltung und band die Besucherinnen und Besucher auch abseits der Bühne in das Geschehen ein.

Anne von der Vring. Foto: Georg Kost
So entstand über den Nachmittag hinweg jene besondere Atmosphäre, die Sommerfeste an einem Theaterort auszeichnet: Kinder, die zum ersten Mal vor Publikum spielen, eine Artistin, die Zuschauer unvermittelt zu Bühnenpartnern macht, und Menschen, die bei Kaffee, Kuchen und Grillgerichten miteinander ins Gespräch kommen. Die Freude über den gelungenen Nachmittag war beim Förderverein ebenso deutlich zu spüren wie bei Anne von der Vring, der „Mutter des Hauses“.
Gerade in dieser Verbindung wurde sichtbar, was die Theaterschachtel über den eigentlichen Theaterbetrieb hinaus ausmacht. Sie ist Bühne und Werkstatt, Begegnungsort und kultureller Treffpunkt zugleich. Kinder können erste Erfahrungen mit dem Theater sammeln, professionelle Künstler finden hier Raum für ihre Arbeit, und Menschen unterschiedlicher Herkunft und Generationen kommen bei Veranstaltungen miteinander in Kontakt. Das Sommerfest machte diese Vielfalt nicht theoretisch, sondern unmittelbar erlebbar – auf der Bühne ebenso wie davor.
Und so wurde der Nachmittag auch zu einem wichtigen Zeichen für die Zukunft des Hauses. Wo Kinder Theater spielen, Künstler auftreten, Familien gemeinsam feiern und Menschen bei einem Stück Kuchen oder am Grill miteinander ins Gespräch kommen, entsteht genau jene lebendige soziokulturelle Mischung, für die die Theaterschachtel in Neuhausen steht. Der große Zuspruch beim Sommerfest ließ dabei vor allem eines erkennen: Der Wunsch nach einem solchen Ort ist da – und er reicht weit über die Grenzen der kleinen Bühne hinaus.
