Richtungswahl in Friolzheim

Richtungsentscheidung zwischen Erfahrung und neuen Beteiligungsansätzen

bei Georg Kost

Die beiden Kandidaten für die Bürgermeisterwahl in Friolzheim, Sitran Sidar Senol und Michael Seiß. Foto: Georg Kost

FRIOLZHEIM, 28.02.2026 (rsr) – Mit dem näher rückenden Wahltermin am 8. März rückt in Friolzheim die künftige Führung der Gemeinde verstärkt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Amtsinhaber Michael Seiß bewirbt sich um eine vierte Amtszeit, während Sitran Sidar Senol als Herausforderin antritt.
Bei der öffentlichen Bewerbervorstellung  am Freitag in der Turn- und Festhalle stellten beide ihre Programme, Ideen und Vorstellungen knapp 400 Bürgerinnen und Bürgern vor. Die Veranstaltung wurde vom ersten stellvertretenden Bürgermeister Michael Welsch sowie Hauptamtsleiter Eberhard Enz geleitet und moderiert und folgte den vom Gemeinderat festgelegten Regularien zur Sicherung der Chancen­gleichheit.

Die Reihenfolge der Vorstellungsreden richtete sich nach dem Eingang der Bewerbungen und entsprach damit der späteren Reihenfolge auf dem Stimmzettel. Jeder Bewerber erhielt 20 Minuten Redezeit. Während dieser Zeit musste sich die jeweils andere Person ohne Mobiltelefon außerhalb des Saales aufhalten.
Eine öffentliche Fragerunde im Plenum war nicht vorgesehen. Stattdessen konnten Bürgerinnen und Bürger im Anschluss an die Reden etwa eine Stunde lang Fragen im direkten Gespräch an Stehendtischen im Nebenraum stellen. Gerade das Fehlen einer gemeinsamen Fragerunde stieß bei Teilen der Teilnehmenden auf Kritik. Gewünscht worden wäre die Möglichkeit, Fragen öffentlich zu stellen und beide Kandidaten unmittelbar darauf antworten zu lassen, etwa zu Themen der Sicherheit im Ort.  Begrüßt wurde hingegen, dass den Wählerinnen und Wählern eine Auswahl zwischen zwei Bewerbern zur Verfügung steht.

Den Auftakt der Vorstellungsreden übernahm Sitran Sidar Senol. Amtsinhaber Michael Seiß wartete währenddessen im nahegelegenen Sportheim. In ihren Präsentationen zeichneten beide das Bild einer handlungsfähigen, wirtschaftlich stabilen und sozial ausgewogenen Kommune. Trotz unterschiedlicher beruflicher Hintergründe und persönlicher Schwerpunkte zeigen sich in zentralen Politikfeldern deutliche inhaltliche Schnittmengen.

Ein gemeinsamer Schwerpunkt liegt auf der wirtschaftlichen Stabilität als Grundlage kommunaler Handlungsfähigkeit. Beide messen einer starken lokalen Wirtschaft zentrale Bedeutung bei und betonen die Rolle des Mittelstands, die Sichernde Entwicklung von Gewerbeflächen sowie verlässliche Rahmenbedingungen für Unternehmen.
Während Senol regelmäßige Wirtschaftsdialoge, eine serviceorientierte Verwaltung und die prioritäre Berücksichtigung ortsansässiger Betriebe bei der Vergabe von Gewerbeflächen ankündigt, verweist Seiß auf die bisherige Wirtschaftsförderung, das interkommunale Gewerbegebiet sowie seine langjährige Erfahrung in Verwaltungs- und Finanzfragen. Übereinstimmend sehen beide in solider Haushaltsführung und Investitionsdisziplin die Voraussetzung für Zukunftsprojekte in Infrastruktur, Bildung und Klimaschutz.

Auch im Bereich Digitalisierung verfolgen beide Kandidaten vergleichbare Ziele. Senol möchte Genehmigungs- und Antragsverfahren weiter digitalisieren, um Abläufe zu beschleunigen und Bürokratie abzubauen. Seiß verweist auf bereits eingeführte E-Government-Angebote und den fortschreitenden Glasfaserausbau, von dem Friolzheim als Pilotgemeinde profitiert. Ziel beider Ansätze ist eine moderne, effizient arbeitende und serviceorientierte Verwaltung.

Parallelen zeigen sich ebenfalls in der Familien- und Bildungspolitik. Beide betonen die Notwendigkeit bedarfsgerechter Betriebsmodelle in der Kinderbetreuung, die qualitative Weiterentwicklung der Grundschule sowie die Vorbereitung auf den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Während Seiß laufende Bau- und Erweiterungsmaßnahmen hervorhebt, formuliert Senol den Anspruch, Betreuungsangebote zusätzlich pädagogisch-konzeptionell weiterzuentwickeln.

Einigkeit besteht zudem über die Bedeutung des Ehrenamts als tragende Säule des Gemeindelebens. Finanzielle Unterstützung, Planungssicherheit und ideelle Wertschätzung werden übereinstimmend als notwendig angesehen. Beide sprechen sich für eine stärkere öffentliche Anerkennung bürgerschaftlichen Engagements aus.

Im Bereich Klimaschutz und kommunaler Energiepolitik setzen beide auf den Ausbau erneuerbarer Energien und Photovoltaikanlagen auf kommunalen Gebäuden sowie auf die Weiterentwicklung der Energie Friolzheim GmbH. Die Verbindung ökologischer Verantwortung mit wirtschaftlicher Vernunft bildet dabei das argumentative Fundament beider Programme.

Die Veranstaltung wurde vom ersten stellvertretenden Bürgermeister Michael Welsch moderiert. Foto: Georg Kost
Die Veranstaltung wurde vom ersten stellvertretenden Bürgermeister Michael Welsch sowie Hauptamtsleiter Eberhard Enz geleitet und moderiert. Foto: Georg Kost
Bewerberin Sitran Sidar Senol. Foto Georg Kost
Bewerber Michael Seiß. Foto Georg Kost
Christine und Michael Seiß. Foto: Georg Kost
Sitran Sidar Senol. Foto Georg Kost
Knapp 400 Besucherinnen und Besucher verfolgten am Freitag die Bewerbervorstellung in Friolzheim. Foto Georg Kost
Fragen an die Bewerber konnten im direkten Gespräch gestellt werden. Foto: Georg Kost
Fragen an die Bewerber konnten im direkten Gespräch gestellt werden. Foto: Georg Kost

Unterschiede zeigen sich vor allem in der Schwerpunktsetzung und Herangehensweise.
Sitran Sidar Senol positioniert sich mit einem generationenübergreifenden Ansatz, der Beteiligung, Transparenz und soziale Vernetzungsstrukturen betont. Sie spricht sich für regelmäßige Jugendbeteiligung mit festen Ansprechpartnern, Begegnungsformate für Senioren sowie neue Bürgerdialoge aus. Zudem nennt sie mögliche Projekte wie flexible Betreuungsmodelle, regionale Ausbildungsbörsen oder interkommunale Kooperationen etwa bei Radwegen. In der Verkehrspolitik legt sie den Fokus auf Sicherheit und nennt die Prüfung stationärer Geschwindigkeitsüberwachung an Unfallschwerpunkten.

Michael Seiß stellt demgegenüber seine Verwaltungserfahrung und die Umsetzung konkreter Projekte in den Mittelpunkt. Dazu zählen die Rathaussanierung, die Neugestaltung des Marktplatzes, der Glasfaserausbau, Maßnahmen im Klimaschutz sowie der Ausbau von Kinderbetreuung und Schulräumen. Er betont institutionelle Stabilität und professionelle Verwaltungsführung und verweist auf seine Vernetzung im Landkreis. In der Energiepolitik bringt er zusätzlich die Möglichkeit eines Bürgerentscheids zur Windkraftnutzung ins Spiel. Darüber hinaus regt er die Gründung einer Bürgerstiftung an, um die Vereinsförderung langfristig unabhängiger von konjunkturellen Schwankungen zu gestalten.

Insgesamt weisen die Programme beider Kandidaten erhebliche inhaltliche Überschneidungen auf. Wirtschaftliche Stabilität, digitale Verwaltung, Ausbau von Bildung und Betreuung, Förderung des Ehrenamts sowie kommunaler Klimaschutz bilden den gemeinsamen Kern. Die Unterschiede liegen weniger in den Zielsetzungen als in der Akzentuierung: Senol setzt auf partizipative Weiterentwicklung, generationenübergreifende Sozialpolitik und neue Kooperationsformate, während Seiß Kontinuität, administrative Erfahrung und die verlässliche Umsetzung laufender Projekte in den Vordergrund stellt.

Damit zeichnet sich in Friolzheim ein Wahlkampf ab, der weniger von gegensätzlichen Grundpositionen geprägt ist als von unterschiedlichen Vorstellungen über Führungsstil und kommunale Weiterentwicklung.
Für die Bürgerschaft steht am 8. März somit nicht nur eine Personalentscheidung an, sondern auch die Frage, ob der eingeschlagene Kurs fortgeführt oder durch neue Beteiligungs- und Entwicklungsimpulse ergänzt werden soll.