Henriette Schell – Faustball auf höchstem Niveau

Zwischen Bundesliga, Nationalmannschaft und Ehrenamt

bei Georg Kost

Henriette Schell. Foto: TSV Calw

CALW, 09.01.2026 (pm) – Wenn Henriette Schell über Sport spricht, wird schnell klar: Faustball ist für sie weit mehr als ein Sport. Er ist Leidenschaft, Lebensinhalt und Ausgleich zugleich. Henriette „Henny“ Schell, seit vielen Jahren eine feste Größe beim TSV Calw, blickt auf eine außergewöhnliche sportliche Laufbahn zurück: Bundesliga-Spielerin, Nationalspielerin, Welt- und Europameisterin und trotz aller Erfolge bodenständig, engagiert und nah am Nachwuchs.

Sport von klein auf – eine echte Allrounderin
Aufgewachsen in einer sportbegeisterten Familie, war Bewegung für Henny schon früh selbstverständlich. Fußball, Faustball, Leichtathletik, Tennis – ausprobiert wurde vieles. Doch der Faustball entwickelte sich schnell zu ihrer größten Leidenschaft. Bereits in der Grundschule begann sie mit dem Sport, damals noch als einziges Mädchen in einer Jungenmannschaft. Ein prägendes Erlebnis waren die Süddeutschen Meisterschaften, bei denen sich das Team sportlich für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert hatte, jedoch wegen eines Mädchens im Kader nicht weiter antreten durfte. „Das war echt mies – für alle“, erinnert sich Schell.

Der Wechsel zum TSV Calw folgte im Jahr 2012. Ausschlaggebend waren nicht nur die vorhandene Mädchen- und Frauenmannschaft, sondern auch die guten Trainerstrukturen und bekannte Gesichter aus der Landesauswahl. Besonders Stephanie Dannecker, heute Thomas, langjährige Nationalspielerin und feste Größe im Calwer Faustball, wurde für sie zu einem wichtigen Vorbild.

Erfolge in Bundesliga und Nationalmannschaft
Beim TSV Calw spielt Henriette Schell im Angriff und gehört seit Jahren zu den Leistungsträgerinnen der Frauenmannschaft. Aktuell belegt das Team in der 1. Bundesliga den dritten Tabellenplatz. Verletzungsbedingt muss Schell derzeit pausieren, unterstützt ihre Mannschaft aber weiterhin intensiv abseits des Spielfelds.

Auch international hat sie sich einen Namen gemacht. Bereits in der U18-Nationalmannschaft nahm sie an Europa- und Weltmeisterschaften teil. Bei den Frauen folgten zahlreiche sportliche Höhepunkte: 2019 gewann sie mit der deutschen Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Tschechien, 2021 folgte der Weltmeistertitel in Österreich. Ein weiteres Highlight waren die World Games 2022 in den USA, die das deutsche Team ebenfalls als Siegerinnen beendete. Nach einer längeren verletzungsbedingten Pause erreichte Schell 2024 bei der Weltmeisterschaft in Argentinien den zweiten Platz, ehe sie 2025 bei den World Games in China mit der Bronzemedaille zurückkehrte. „Das sind Erlebnisse, die einen fürs Leben prägen“, sagt sie rückblickend.

Verletzung, Geduld und der Blick nach vorn
Seit mehreren Jahren kämpft die 27-Jährige mit einer hartnäckigen Patellasehnenentzündung im Knie. Hinzu kam eine schwere Schulterverletzung, die eine Operation und eine neunmonatige Pause erforderlich machte. Um langfristig gesund zurückzukehren, hat sich Schell bewusst für eine längere Auszeit vom Spielbetrieb entschieden. Ganz ohne Sport geht es aber dennoch nicht. Krafttraining, Ergometer, Schwimmen – Schell bleibt diszipliniert. „Ich ziehe das durch. Auch wenn Mannschaftssport natürlich etwas ganz anderes ist als alleine zu trainieren.“ Die Hoffnung, im Frühjahr wieder ins Faustballgeschehen einzugreifen, ist groß.

Beruf, Ehrenamt und Vorbildfunktion
Neben dem Leistungssport arbeitet Henriette Schell bei der Deutschen Bahn in der Infrastrukturplanung. Zuvor studierte sie Wirtschaftsingenieurwesen an der Universität in Karlsruhe. Dass sich ihr Studium über mehrere Jahre erstreckte, hatte einen guten Grund: den Leistungssport. „Ich habe mir bewusst Zeit gelassen. Arbeiten tut man später noch lange genug“, sagt sie mit einem Lächeln.
Trotz des hohen zeitlichen Aufwands engagiert sie sich zusätzlich als Trainerin im Nachwuchsbereich ihres Heimatvereins Enzberg. „Gerade Kindern kann man viel mitgeben, sportlich, aber auch menschlich“, sagt sie. Erste Trainerlehrgänge hat sie bereits absolviert, eine C-Lizenz kann sie sich gut vorstellen.

Für ihre sportlichen Erfolge und ihr Engagement wurde Henriette Schell kürzlich bei der Sportlerehrung zur Sportlerin des Jahres gewählt – für sie selbst eine große Überraschung. Die Laudatio hielt ausgerechnet ihr früheres Vorbild Stefanie Thomas.

Mit Leidenschaft und Bodenhaftung
Ob Wandern auf Hüttentouren, Rennradfahren, Lesen oder Musik – Stillstand kennt Henriette Schell nicht. Ihr sportliches Ziel ist klar: gesund zurückkehren und wieder aktiv für den TSV Calw auf dem Platz stehen. Bis dahin bleibt sie der Mannschaft und dem Verein eng verbunden. Henriette Schell ist eine Athletin, die sportliche Spitzenleistung, Engagement und Bodenständigkeit vereint.