Die Aikido-Abteilung des TSV Calw

Zwischen Tradition, Philosophie und Bewegung ohne Wettkampf

bei Georg Kost

Das Bild anbei zeigt liegend Trainer Oliver Tiedje und stehend Trainer Marc Koehler.
Foto: lightworkart, Manuel Kamuf.

CALW, 15.03.22026 (pm) – Seit mehr als drei Jahrzehnten gibt es Aikido in Calw – doch erst seit Kurzem gehört die Kampfkunst offiziell zum TSV Calw. Mit der Verschmelzung des bisherigen Aikido-Club-Calw in den TSV entstand dort eine neue Abteilung, die eine lange Tradition fortführt und zugleich neue Türen öffnet. Trainer Oliver Tiedje erzählt, was Aikido ausmacht, wie sich die Gruppe entwickelt hat und warum diese japanische Kampfkunst weit mehr ist als reine Selbstverteidigung.

Eine lange Geschichte – jetzt im TSV Calw
Aikido hat in Calw eine deutlich längere Tradition, als viele vermuten. Bereits seit rund 30 Jahren wird die Sportart hier aktiv betrieben. Erst im vergangenen Jahr fiel die Entscheidung zur Verschmelzung mit dem TSV Calw. Damit ist eine traditionsreiche Sportart seit Januar dieses Jahres fest im größten Sportverein der Stadt verankert

Ein Trainer mit 30 Jahren Erfahrung
Oliver Tiedje selbst betreibt Aikido seit rund drei Jahrzehnten. Seine ersten Schritte machte er während seines Studiums in Kiel. „Ich habe dort Physik studiert und wollte nebenbei etwas Neues ausprobieren“, erinnert er sich. Zunächst testete er verschiedene Kampfsportarten wie Judo oder Jiu-Jutsu, eher zufällig landete er schließlich beim Aikido. „Und dabei bin ich dann geblieben“, sagt er mit einem Lächeln. Heute trägt er den schwarzen Gürtel und besitzt den 2. Dan. Gemeinsam mit Marc Koehler leitet er das Training in Calw. Beide wechseln sich dabei regelmäßig ab. Beruflich arbeitet Tiedje als Physiker am Fraunhofer-Institut in Stuttgart. Gerade deshalb schätzt er den sportlichen Ausgleich: „Physik ist ein sehr verkopfter Job. Beim Aikido versuche ich bewusst mehr zu fühlen und zu spüren, statt alles zu zerdenken.“

Bewegung statt Kraft
Aktuell zählt die Aikido-Gruppe rund 30 Mitglieder, etwa zehn davon stehen regelmäßig auf der Matte im Training. Besonders ist dabei die Zusammensetzung der Gruppe: Männer und Frauen trainieren gemeinsam, ebenso Anfänger und Fortgeschrittene. Auch das Alter spielt kaum eine Rolle – die Spannweite reicht derzeit von etwa 16 bis über 60 Jahre. Das funktioniert vor allem deshalb, weil Aikido anders funktioniert als viele andere Kampfsportarten. „Der Witz am Aikido ist, dass man nicht mit Kraft gegen den anderen arbeitet“, erklärt Tiedje. „Man nutzt die Bewegung des Angreifers und verlängert sie. Die Kraft kommt im Prinzip immer vom anderen.“ Gerade deshalb können auch körperlich unterschiedlich starke Menschen problemlos miteinander trainieren. Für viele ist es ein besonderer Reiz, dass Technik und Timing wichtiger sind als Muskelkraft.

Selbstverteidigung ohne Wettkampf
Aikido zählt zu den klassischen japanischen Selbstverteidigungskünsten – unterscheidet sich jedoch deutlich von Kampfsportarten wie Judo oder Karate. Der wichtigste Unterschied: Es gibt keine Wettkämpfe. Trainiert wird stattdessen meistens paarweise. Eine Person übernimmt die Rolle des Angreifers, die andere die des Verteidigers. Gemeinsam üben sie verschiedene Techniken und Bewegungsabläufe. „Wir beginnen meist mit einfachen Angriffen, zum Beispiel einem Griff“, erklärt Tiedje. „Später kommen Schlagangriffe dazu, und irgendwann trainiert man auch mit Waffen – etwa mit Holzschwert, Messer oder Stock.“ Natürlich handelt es sich dabei ausschließlich um Trainingsgeräte, welche nicht geschärft sind. Ein wichtiger Bestandteil des Trainings ist außerdem die sogenannte Fallschule. Dabei lernen die Teilnehmer, sicher zu fallen, wenn sie geworfen werden. „Das ist nicht nur im Training wichtig“, sagt Tiedje. „Auch im Alltag kann es sehr hilfreich sein, wenn man weiß, wie man richtig fällt.“

Mehr als Sport: Eine Philosophie
Das japanische Wort „Aikido“ setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Besonders wichtig ist dabei das „Do“, das übersetzt „Weg“ bedeutet. Dieser Begriff beschreibt eine Grundidee der Kampfkunst: Lernen hört nie auf. „Man kann im Aikido nie sagen: Das habe ich jetzt erledigt“, erklärt Tiedje. „Man entwickelt sich ständig weiter.“ Auch deshalb können Anfänger und Fortgeschrittene gut gemeinsam trainieren. Die einen lernen durch Beobachtung, die anderen durch das Vermitteln ihrer Erfahrung. Doch Aikido geht über die rein sportliche Ebene hinaus. Ein zentraler Gedanke ist die Suche nach Harmonie – nicht nur im Training, sondern auch im Alltag. „Wenn mich jemand angreift, gehe ich nicht dagegen und ich fliehe auch nicht“, sagt Tiedje. „Ich nehme die Energie auf und versuche, die Situation zu kontrollieren.“ Diese Haltung überträgt sich für viele auch auf Konflikte im täglichen Leben.

Japanische Tradition in der Turnhalle
Obwohl das Training in der Schulturnhalle in Calw-Wimber stattfindet, spielt die japanische Herkunft der Kampfkunst weiterhin eine wichtige Rolle. Zu Beginn des Trainings wird ein Bild und ein Schriftzeichen aufgestellt, um eine traditionelle Atmosphäre zu schaffen. Außerdem verneigen sich die Teilnehmer als Geste des Respekts, die in japanischen Kampfkünsten üblich ist. Auch die Kleidung orientiert sich an der Tradition: Trainiert wird in weißen Anzügen, ähnlich wie im Judo. Erst mit dem schwarzen Gürtel kommt zusätzlich eine schwarze Überhose, Hakama genannt, hinzu.

Training für Kinder und Erwachsene
Die Aikido-Abteilung des TSV Calw bietet aktuell zwei Trainingsgruppen an. Kinder (ab etwa 8 Jahren) trainieren freitags von 18:00 – 19:15 Uhr und Erwachsene von 19:15 – 21:00 Uhr. Gerade für Kinder, die keinen reinen Wettkampfsport suchen, kann Aikido eine interessante Alternative sein. Statt Konkurrenz steht hier das gemeinsame Lernen im Vordergrund. „Viele Kinder wollen Action und sich miteinander messen, und das ist auch völlig in Ordnung“, sagt Tiedje. „Aber es gibt auch welche, die eher etwas Harmonischeres suchen. Für die ist Aikido ideal – und auspowern kann man sich auch dabei.“

Offen für neue Mitglieder
Während Aikido früher zeitweise sehr populär war – besonders während eines regelrechten „Japan-Hypes“ – gehört die Sportart heute eher zu den ruhigeren Angeboten im Kampfsportbereich. Umso mehr freut sich die Abteilung über neue Interessierte. „Wir können gut noch weitere Teilnehmer gebrauchen“, sagt Tiedje. „Da wir zu zweit trainieren, haben wir genug Kapazität.“ Wer neugierig geworden ist, kann jederzeit zum Schnuppertraining vorbeikommen. Anmeldungen und Fragen sind jederzeit möglich unter aikido@tsvcalw.de.

Für Oliver Tiedje ist Aikido weit mehr als nur ein Sport. Es ist eine langfristige Begleitung durchs Leben – körperlich wie mental. „Man bleibt immer Schüler“, sagt er. „Und genau das macht es so spannend.“ Mit der neuen Heimat im TSV Calw soll dieser Weg nun auch in Zukunft weitergehen.

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