
Schülerinnen und Schüler lernen an der Verbandsschule Verantwortung fürs Leben. Foto: Georg Kost
NEUHAUSEN, 28.05.2026 (rsr) – Wie fühlt es sich an, alt zu sein? Was bedeutet es, wenn Menschen auf Hilfe angewiesen sind oder wenn Geld für den Alltag kaum ausreicht? Mit genau solchen Fragen beschäftigen sich die Schülerinnen und Schüler der siebten Klassen an der Verbandsschule im Biet in Neuhausen-Steinegg. Beim Sozialprojekt „Brücken bauen“ geht es nicht nur um Unterricht, sondern vor allem darum, andere Menschen zu verstehen, Mitgefühl zu entwickeln und Verantwortung zu übernehmen. Für dieses besondere Engagement wurde die Schule jetzt mit dem Schulsiegel der Stiftung Aktive Bürgerschaft als sozialgenial-Schule ausgezeichnet.
Rund 50 Schülerinnen und Schüler nahmen in diesem Schuljahr am Projekt teil. Begleitet wurden sie von drei Lehrkräften. Geleitet wird „Brücken bauen“ von Lehrerin Franziska Bucher, die das Projekt seit mehreren Jahren an der Schule organisiert und weiterentwickelt.
Im Religions- und Ethikunterricht beschäftigten sich die Jugendlichen intensiv mit den Themen „Leben im Alter“, „Leben in Armut“ und „Leben mit Beeinträchtigung“. Ziel war es dabei nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern vor allem soziale Kompetenzen zu stärken. Die Schülerinnen und Schüler sollten lernen, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, Verantwortung zu übernehmen und aufmerksam mit ihrer Umwelt umzugehen.
„Es geht darum, Menschen, die oft am Rande unserer Gesellschaft leben, in den Mittelpunkt zu stellen und in Begegnung mit diesen zu treten“, erklärt Franziska Bucher. Deshalb wurden Theorie und Praxis eng miteinander verbunden.
Die Jugendlichen besuchten verschiedene soziale Einrichtungen und kamen dort direkt mit Menschen in Kontakt, die Unterstützung benötigen oder oft wenig Aufmerksamkeit erfahren. Zusätzlich organisierten die Schülerinnen und Schüler eigene Aktionen wie eine Sammelaktion für einen Tafelladen.
Besonders prägend war für viele die Praktikumswoche. Die Schülerinnen und Schüler arbeiteten in Seniorenheimen, Tafelläden sowie Schulen und Kindergärten für Kinder mit Beeinträchtigung mit. Dort sammelten sie Erfahrungen, die weit über klassischen Unterricht hinausgehen. Viele bemerkten, wie wichtig Geduld, Rücksichtnahme und Hilfsbereitschaft im Umgang mit anderen Menschen sind.
Gerade diese Erfahrungen sollen die persönliche Entwicklung der Jugendlichen stärken. Denn an der Verbandsschule im Biet stehen nicht nur schulische Leistungen im Mittelpunkt, sondern auch Werte wie Empathie, Gemeinschaftssinn und soziales Verantwortungsbewusstsein. Die Schülerinnen und Schüler lernen dabei Dinge fürs Leben – Fähigkeiten, die im Alltag und später im Berufsleben eine wichtige Rolle spielen.
Die Erlebnisse aus den Praktika und Besuchen wurden anschließend gemeinsam im Unterricht reflektiert. Die Jugendlichen tauschten ihre Eindrücke aus und setzten sich intensiv mit ihren Erfahrungen auseinander.
Dass das Projekt heute so erfolgreich läuft, ist das Ergebnis jahrelanger Entwicklung. Bereits im Schuljahr 2019/20 wurde „Brücken bauen“ zunächst in kleinerer Form gestartet. Durch die Corona-Pandemie mussten viele soziale Begegnungen jedoch eingeschränkt werden. Nach einer Neustrukturierung wird das Projekt seit dem Schuljahr 2024/25 wieder intensiv durchgeführt.
Im vergangenen Herbst bewarb sich die Verbandsschule im Biet beim sozialgenial-Programm der Stiftung Aktive Bürgerschaft. Im März erhielt die Schule dafür eine Förderung in Höhe von 500 Euro sowie das offizielle Schulsiegel als sozialgenial-Schule.
Doch damit nicht genug: Wie Franziska Bucher berichtet, hatte sich die Schule zusätzlich bei der Stiftung Aktive Bürgerschaft für das „Sozialgenial Projekt des Monats Mai“ beworben – mit Erfolg. „Wir haben tatsächlich gewonnen und wurden zum Projekt des Monats ausgezeichnet“, berichtet Bucher stolz.
Die Lehrerin hat zudem bereits neue Ideen, wie das Projekt künftig erweitert werden könnte. „Perspektivisch wäre es ein Traum, wenn wir durch einen Alterssimulationsanzug unser Projekt um eine weitere Ebene ergänzen könnten“, sagt Franziska Bucher. Durch solche speziellen Anzüge könnten Schülerinnen und Schüler selbst erleben, wie sich körperliche Einschränkungen im Alter anfühlen. „Mit 12 beziehungsweise 13 Jahren fühlen wie mit 70“, beschreibt Bucher den besonderen Effekt. Dadurch könnten Jugendliche noch besser nachvollziehen, wie schwierig alltägliche Bewegungen oder Aufgaben im Alter werden können. Allerdings seien diese speziellen Anzüge sehr teuer, gibt die Lehrerin zu bedenken.
Auch im kommenden Schuljahr soll „Brücken bauen“ mit den neuen siebten Klassen weitergeführt werden. Kleinere Anpassungen seien nach der laufenden Evaluation möglich. Eine der größten Herausforderungen bleibe dabei die Suche nach genügend Kooperationspartnern, um den Schülerinnen und Schülern weiterhin ein vielfältiges Praktikumsangebot bieten zu können.
Mit dem Sozialprojekt zeigt die Verbandsschule im Biet eindrucksvoll, dass Schule weit mehr sein kann als Lernen aus Büchern. Die Jugendlichen erfahren früh, wie wichtig Zusammenhalt, Respekt und gegenseitige Unterstützung in einer Gesellschaft sind – und dass schon kleine Gesten viel bewirken können.
