
Fünf Musiker, vielschichtiger Sound und mehrstimmiger Gesang. Die Band WinTaStad war Gast bei den Musiktagen. Foto: Georg Kost
TIEFENBRONN-MÜHLHAUSEN, 24.10.2026 (rsr) – Ein Egerländer Marsch, eine Polka und schon ist klar: Dieser Abend wird anders, als es die ersten Takte vermuten lassen. Denn bei WinTaStad ist die traditionelle Blasmusik kein musikalischer Endpunkt, sondern der Ausgangspunkt für eine Reise durch die unterschiedlichsten Klangwelten. Im ausverkauften Kollmar-&-Jourdan-Gebäude in Mühlhausen begegnen böhmisch-mährische Melodien internationalen Popklassikern, Austropop trifft auf Schlager, und zwischen Trompete, Tuba und Akkordeon bleibt immer Platz für eine gehörige Portion Spielfreude.
Wo andere Bands ihre musikalische Identität über ein bestimmtes Genre definieren, macht WinTaStad gerade dessen Grenzen zum Programm. Die fünf Musiker aus dem Raum Landshut haben sich nicht auf einen Stil festgelegt. Sie nehmen bekannte Melodien auseinander, setzen sie neu zusammen und verleihen ihnen einen Klang, der ebenso in der Blasmusik verwurzelt ist wie in der Welt der großen Pop- und Rockhits.
Das Publikum in Mühlhausen durfte sich davon bei der dritten Veranstaltung der Musiktage 2026 überzeugen. Der Konzertabend war bereits Wochen zuvor ausverkauft. Dass die Erwartungen hoch waren, überraschte angesichts des musikalischen Konzepts kaum. Dass die Formation sie mit so viel Leichtigkeit erfüllte, lag nicht zuletzt an ihrem souveränen Umgang mit den unterschiedlichen Stilen.
Fünf Musiker, viele Klangfarben
Schon die Besetzung ist bemerkenswert. Trompete, Bariton, Tuba, Akkordeon und Schlagzeug bilden das Fundament eines Ensembles, das ohne große Bandbesetzung auskommt und dennoch einen kraftvollen, vielschichtigen Sound entwickelt. Hinzu kommt mehrstimmiger Gesang. Die Instrumente treten dabei nicht einfach nebeneinander auf, sondern greifen ineinander, setzen Akzente und übernehmen je nach Stück unterschiedliche Rollen.

Schlagzeug, Tuba, Akkordeon Trompete und Bariton bilden das Fundament von WinTaStad, das ohne große Bandbesetzung auskommt und dennoch einen kraftvollen, vielschichtigen Sound entwickelt. Foto: Georg Kost
Hinter dem ungewöhnlichen Namen stehen Johannes, Joachim und Simon Winbeck, Uli Tafelmayer und Martin Stadler. Ihre musikalischen Erfahrungen aus verschiedenen Formationen spiegeln sich in einem Zusammenspiel wider, das Präzision und Ungezwungenheit verbindet. Die fünf beherrschen ihre Instrumente mit großer Sicherheit. Zugleich wirkt ihr Auftritt nie wie eine reine Leistungsschau. Die technische Klasse ist hörbar, drängt sich aber nicht in den Vordergrund.
Nach dem traditionellen Auftakt nimmt der Abend rasch Fahrt auf. Von den Alpen führt die musikalische Reise zu den „Tulpen aus Amsterdam“. Es folgen bekannte Titel, deren Melodien längst zum kollektiven Musikgedächtnis gehören.
Was auf dem Papier nach einem gewagten Stilmix klingt, erweist sich auf der Bühne als schlüssiges Konzept. WinTaStad überträgt die Eigenheiten der verschiedenen Genres auf die Möglichkeiten seiner Besetzung. Die Bläser geben den Stücken einen neuen Charakter, das Akkordeon sorgt für zusätzliche Klangfarben, und das Schlagzeug hält den Rhythmus zusammen. So bleiben die bekannten Melodien erkennbar, ohne dass sich die Arrangements in bloßen Kopien der Originale erschöpfen.
Auch für musikalische Ausflüge in die Welt des Schlagers ist Platz. „Kannst du Knödel kochen“ gehört ebenso zum Programm wie Bata Illics „Ich möchte der Knopf an deiner Bluse sein“. Gerade solche Titel zeigen, dass die fünf Musiker keine Berührungsängste kennen. Sie nehmen ihr Handwerk ernst, nicht aber sich selbst. Der Humor gehört zum Auftritt wie die virtuosen Bläsersätze.
Zwischen Präzision und Übermut
Die besondere Qualität des Abends liegt im Wechselspiel zwischen musikalischer Genauigkeit und spürbarer Lust am gemeinsamen Spiel. Die Arrangements sitzen, die Einsätze kommen auf den Punkt, und dennoch bleibt Raum für jene Unbeschwertheit, die gute Unterhaltungsmusik auszeichnet. Immer wieder entstehen überraschende Momente, wenn sich ein vertrautes Stück in eine neue Richtung entwickelt oder ein Instrument eine Melodie übernimmt, die man dort nicht unbedingt erwartet hätte.
Der Funke springt früh über. Das Publikum quittiert die Darbietungen mit kräftigem Applaus. Hätte der ausverkaufte Saal genügend Platz zum Tanzen geboten, wäre die Gelegenheit für einen schwungvollen Abend durchaus vorhanden gewesen. So bleibt die Aufmerksamkeit auf die Bühne gerichtet, wo die Musiker ihre ganze Bandbreite entfalten.
Nur bei den Gesangspassagen wandert gelegentlich ein Blick auf das Notenblatt. Ansonsten scheint vieles selbstverständlich ineinanderzugreifen. Dass hinter dieser Leichtigkeit langjährige Bühnenerfahrung steckt, ist nicht zu überhören.
Dass musikalische Qualität und eine lockere Bühnenpräsenz einander nicht ausschließen, zeigt sich auch in den Ansagen. Als der Bandleader darum bittet, dem Herrn in der ersten Reihe ein Bier zu bringen, am besten gleich zwei, ist das weniger eine große Showeinlage als ein kleiner Moment, der zum Charakter des Abends passt. WinTaStad sucht nicht die Distanz zum Publikum, sondern dessen Nähe.
Für Florian Jost, der beim Musikverein Mühlhausen für die musikalische Programmgestaltung der Musiktage verantwortlich ist, dürfte sich die Verpflichtung gelohnt haben. Er hatte sich rechtzeitig für das Konzert von der gleichzeitig stattfindenden Gemeinderatssitzung im Tiefenbronner Bürger- und Kulturhaus entschuldigt.
Mit WinTaStad gastierte in Mühlhausen eine Formation, die traditionelle Blasmusik nicht hinter sich lässt, sondern sie als Grundlage für neue musikalische Verbindungen nutzt. Der Abend lebt von dieser Offenheit: von der Freude am Wiedererkennen ebenso wie von der Überraschung, wenn aus vertrauten Melodien plötzlich etwas Eigenes wird.
