Wie Sportvereine Radikalisierung früh erkennen können

FEX-Geschäftsführer Mathieu Coquelin zu Gast beim TSV Calw

bei Georg Kost

Vortrag von Mathieu Coquelin, Geschäftsführer der Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX), den er im Rahmen der Delegiertenversammlung des TSV Calw hielt. Foto: TSV Calw

CALW, 22.07.2026 (pm) – Ob Rechtsextremismus, Islamismus, Verschwörungsideologien oder andere Formen politisch und religiös motivierter Radikalisierung – gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Auch Sportvereine bleiben von dieser Entwicklung nicht unberührt. Welche Rolle Vereine bei der Prävention spielen und wie Verantwortliche problematische Entwicklungen frühzeitig erkennen können, war Thema der Delegiertenversammlung des TSV Calw am Montag, den 29. Juni 2026.

Als Referent war Mathieu Coquelin, Geschäftsführer der Fachstelle Extremismusdistanzierung (FEX), zu Gast. In seinem Vortrag informierte er die Delegierten darüber, wie Radikalisierung entsteht, woran sich problematische Entwicklungen erkennen lassen und welche Handlungsmöglichkeiten Vereine haben, um frühzeitig gegenzusteuern.

Dass sich der TSV Calw diesem Thema widmete, spiegelt eine Entwicklung im Sport wider. Vereine und Sportverbände setzen sich zunehmend mit der Frage auseinander, wie sie auf diskriminierende oder extremistische Tendenzen reagieren können. Dabei geht es nicht um parteipolitische Positionierung, sondern um den Schutz der Werte, für die der Sport steht: Fair Play, Teamgeist, Respekt und die Achtung der Menschenrechte.

Vom Streetworker zum Geschäftsführer
Mathieu Coquelin beschäftigt sich bereits seit seinem Studium mit dem Thema Extremismus. Besonders interessierte ihn die Frage, weshalb rechtsextreme Ideologien gerade auf junge Menschen, insbesondere junge Männer, eine so große Anziehungskraft ausüben können. Nach seinem Studium der Sozialen Arbeit war er acht Jahre als Streetworker in Böblingen tätig. Dort standen weniger klassische rechtsextreme Strukturen im Mittelpunkt als vielmehr Gewalt, Jugendkriminalität und Gruppendynamiken. „Mich hat schon immer interessiert, warum sich Menschen radikalen Gruppen anschließen, und welche Bedürfnisse dahinterstehen“, sagt Coquelin.
Heute leitet er die Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit Baden-Württemberg mit inzwischen 26 Mitarbeitern. Neben seinem Abschluss als Diplom-Sozialarbeiter absolvierte er später zusätzlich ein Masterstudium der Betriebswirtschaftslehre.

Radikalisierung verändert ihr Gesicht
Nach Einschätzung Coquelins hat sich das Phänomen der Radikalisierung in den vergangenen zehn Jahren deutlich verändert. Während früher einzelne ideologische Strömungen klarer erkennbar gewesen seien, beobachte er heute eine zunehmende Fragmentierung. „Wir haben heute weniger geschlossene Weltbilder, sondern vielmehr einzelne Überzeugungen, die Menschen gegeneinander ausspielen – etwa die Vorstellung, Männer seien Frauen überlegen oder bestimmte Bevölkerungsgruppen seien mehr wert als andere.“ Gleichzeitig sieht er eine zunehmende Polarisierung in der Gesellschaft. Die hohen Zustimmungswerte für extremistische Positionen seien ebenso Ausdruck dieser Entwicklung wie Radikalisierungstendenzen an unterschiedlichen politischen Rändern. Hinzu kämen Islamismus, Reichsbürger-Ideologien und Verschwörungserzählungen.

Das Internet ist Verstärker – nicht Ursache
Eine wichtige Rolle spielen soziale Medien und das Internet. Dennoch warnt Coquelin davor, darin die alleinige Ursache zu sehen. „Digitale Medien verstärken Entwicklungen, die bereits in der Gesellschaft vorhanden sind“, erklärt er. Im persönlichen Gespräch würden Menschen unmittelbare Reaktionen erleben. Im Internet fielen Hemmschwellen dagegen leichter weg. Entscheidend seien jedoch weiterhin Erziehung, gesellschaftliche Werte und der Umgang miteinander. Seiner Ansicht nach habe die Gesellschaft insgesamt an Streit- und Diskussionskultur verloren. Soziale Medien könnten diese Entwicklung beschleunigen, seien aber nicht ihr Ursprung.

Steigende Nachfrage
Die Nachfrage nach Beratung ist in den vergangenen zwei Jahren deutlich gestiegen. Besonders Schulen wenden sich regelmäßig an die Fachstelle. Aber auch Einrichtungen der Jugendhilfe, die Polizei sowie Hochschulen gehören zu den Kooperationspartnern von FEX. Coquelin lehrt unter anderem an der Dualen Hochschule Stuttgart und der Universität Tübingen. Dort vermittelt er, wie Radikalisierung frühzeitig erkannt werden kann und welche Handlungsmöglichkeiten Fachkräfte haben.

Im Mittelpunkt der Arbeit von FEX steht die Unterstützung der Menschen, die täglich mit jungen Menschen arbeiten. „Wir können nicht überall selbst Beziehungsarbeit leisten“, sagt Coquelin. „Deshalb stärken wir diejenigen, die Kontakt zu den Jugendlichen haben.“

Prävention beginnt mit Aufmerksamkeit
Auch Sportvereine rücken zunehmend in den Fokus. Nach einem Hearing des Württembergischen Landessportbundes zum Thema rechtsextreme Einstellungen in Vereinen erhält FEX vermehrt Anfragen aus dem Sport. Dort gehe es vor allem um die Frage, wie Ehrenamtliche problematische Entwicklungen erkennen und verantwortungsvoll damit umgehen können.
Für Mathieu Coquelin steht fest: Prävention gelingt nur gemeinsam. Schulen, Vereine, Jugendhilfe, Polizei und Familien müssten zusammenarbeiten, damit Radikalisierung möglichst früh erkannt und ihr entgegengewirkt werden könne.