Wenn die Nagold zur Festmeile wird: Unterreichenbach feiert seine Flößer

Talhubenfest am 5. und 6. September mit Schaufloßfahrten, Musik, Kinderprogramm und großer Lasershow

bei Georg Kost

UNTERREICHENBACH, 02.09.2026 (rsr) –  Die Nagold ist an diesem Wochenende mehr als nur ein Fluss. In Unterreichenbach wird sie zur Bühne für ein Stück Ortsgeschichte, das über Jahrhunderte das Leben und Arbeiten der Menschen geprägt hat. Am Samstag, 5., und Sonntag, 6. September, steigt das 16. Talhubenfest. Floßfahrten, Live-Musik, Mitmachangebote für Kinder, kulinarische Spezialitäten und eine große Lasershow sorgen rund um den Schulhof und die Nagold für zwei Tage Festbetrieb.

Schon der Name des Festes erzählt ein Stück dieser Geschichte. Eine Talhuben war ein Talbecken am Fluss, an dem die Flößer ihre Baumstämme zu sogenannten Gestören und großen Flößen zusammenbanden. In Unterreichenbach befand sich eine solche Einbindestätte an der Flutmulde der Nagold. Das dort angestaute Wasser bot genügend Tiefe, um die schweren Holzgestöre auf den Fluss zu bringen. Genau diese Mulde ist heute das Herzstück des Talhubenfestes. Von der Nagoldbrücke aus lassen sich die Floßfahrten verfolgen, während am Kurt-Fischer-Weg und auf dem Schulhof das Festprogramm läuft.

Die Geschichte dahinter reicht weit zurück. Der Nordschwarzwald war reich an Holz und damit eine wichtige Rohstoffquelle. Tannen, Fichten und andere Baumarten wurden in den Wäldern geschlagen und über sogenannte Riesen, steil abfallende Holzbahnen und Rutschen, ins Tal transportiert. Dort wurden die Stämme bearbeitet und zu Floßverbänden zusammengefügt.

Für den Zusammenhalt sorgten sogenannte Wieden. Dabei handelte es sich um biegsame Verbindungen aus jungen Tannen- oder Fichtenstämmchen, die eingeweicht und anschließend erhitzt wurden, damit sie sich biegen ließen. Durch die charakteristischen Floßaugen an den Stammenden wurden die Wieden gezogen und fest miteinander verbunden. Auf diese Weise entstanden große Flöße, die von der Nagold über die Enz und den Neckar bis zum Rhein und schließlich in die Niederlande gelangen konnten.

Staustufen und Wehranlagen prägten den Weg der Flößer. Das Wasser wurde an verschiedenen Stellen aufgestaut, sodass die schweren Holzverbände von einem Wasserschwall zum nächsten bewegt werden konnten. An größeren Talhuben wurden Flöße geteilt, verkauft oder neu zusammengebunden. Gesteuert wurde mit langen Staken.

Für Unterreichenbach bedeutete die Flößerei über lange Zeit Arbeit, Handel und wirtschaftliche Bedeutung. Heute erinnert unter anderem das Flößermuseum in der Tannbergschule an diese Epoche. Werkzeuge, Bilder und Modelle erzählen dort vom früheren Handwerk. Auch ein detailgetreues Modell des alten Bahnhofs zeigt, wie sich die Transportwege später veränderten.

Mit dem Bau der Nagoldtalbahn zwischen Calw und Pforzheim und dem Ausbau der Straßen verlor die gewerbliche Flößerei zunehmend an Bedeutung. 1911 fuhr das letzte gewerbliche Floß die Nagold hinunter. Ein Handwerk, das über Jahrhunderte ganze Regionen geprägt hatte, verschwand damit aus dem Alltag.

In Unterreichenbach blieb die Erinnerung erhalten. Seit 1978 wird sie beim Talhubenfest öffentlich gefeiert. Die Idee entstand bei einer Vereinsbesprechung im Rathaus und geht auf den damaligen Bürgermeister Hartmut Kuhlmann zurück. Das Fest findet im dreijährigen Rhythmus statt. Unterstützt wird es vom Förderverein für Unterreichenbach, der sich auch um die Ortsgeschichte, das Flößermuseum und Projekte wie den Flößerweg entlang der Nagold kümmert.

Eine besondere Rolle übernehmen die Talhubenflößer. Nachfahren alter Unterreichenbacher Flößerfamilien gründeten 1980 den Verein Talhuben-Flößer Unterreichenbach. Seitdem gehen sie mit einem eigenen, mehr als 100 Meter langen Floß auf die Nagold und zeigen bei Schaufahrten, wie das historische Handwerk funktioniert. Auch beim Flößerfest in Neuenbürg sind sie regelmäßig dabei.

Samstag: Die Flößer kommen
Der erste Festtag beginnt um 14.30 Uhr mit der Ankunft der Flößer am Kurt-Fischer-Weg. Bürgermeister Lukas Klingenberg wird zur Eröffnung selbst auf das Floß steigen. Für ihn ist es die erste Floßfahrt. Anschließend geht es zum Schulhof, wo der Fassanstich den offiziellen Beginn des Festbetriebs markiert.

Um 16.30 Uhr übernimmt das Schlagzeugensemble FAB4 die Flößerbühne. Für Familien gibt es parallel zahlreiche Möglichkeiten zum Mitmachen: Torwandschießen, Fußballdart, Kinderfloßfahrten und eine Hüpfburg auf der Schulwiese stehen auf dem Programm. Der Kindergarten Tannbergwichtel bietet außerdem Kinderschminken und Mitmachaktionen an.

Um 17 Uhr beginnt eine rund 45-minütige Führung durch das Flößer- und Dorfmuseum.

Musikalisch geht es um 18 Uhr mit Herb & Tom unplugged weiter. Der Musikverein Renningen, die Trachtenkapelle Altburg und der Musikverein Althengstett sorgen ebenfalls für musikalische Unterhaltung.

Um 19 Uhr legt erneut ein Floß auf der Nagold ab. Ab 21 Uhr spielt die Band INCORRECT auf der Flößerbühne.

Der besondere Höhepunkt des Abends folgt um 22.30 Uhr mit der Nacht- und Fackelfahrt. Das beleuchtete Floß zieht durch die Dunkelheit der Nagold. Das ursprünglich geplante große Feuerwerk entfällt wegen der Trockenheit. Stattdessen ist anschließend eine große Lasershow vorgesehen.

Sonntag: Gottesdienst, Aktionen und letzte Floßfahrt
Der zweite Festtag beginnt um 10 Uhr mit einem ökumenischen Gottesdienst im Festzelt vor der Schule. Der Posaunenchor wirkt bei der Feier mit.

Ab 11 Uhr läuft der Festbetrieb weiter. Gleichzeitig öffnet die Tagespflege des DRK ihre Türen zum Tag der offenen Tür.

Um 11.30 Uhr startet die nächste Floßfahrt. Ab 12 Uhr stehen mit der Seifenblasenwerkstatt und dem Büchereiflohmarkt zwei weitere Angebote auf dem Programm. Die Seifenblasenwerkstatt läuft bis 15 Uhr.

Um 14 Uhr können Besucher erneut an einer rund 45-minütigen Führung durch das Flößer- und Dorfmuseum teilnehmen. Zur gleichen Zeit zeigt die Zumba-Gruppe des 1. FCU ihr Können auf der Flößerbühne. Um 15 Uhr folgt ein weiterer Auftritt der Gruppe auf dem Schulhof.

Auch die musikalische Unterhaltung wird am Sonntag fortgesetzt. Der Musikverein Gondelsheim, der Musikverein Feldrennach und zum Abschluss der Musikverein Friolzheim sind zu Gast.

Gegen 17.30 Uhr geht es schließlich noch einmal auf die Nagold: Die Abschlussfahrt durch die Wehranlage bildet den letzten Programmpunkt des diesjährigen Talhubenfestes.

Auch ein Fernsehteam des SWR hat sich nach Angaben von Bürgermeister Lukas Klingenberg angekündigt, um über das Talhubenfest und die Flößertradition Unterreichenbachs zu berichten. Seit 2022 steht die europäische Flößerei auf der Repräsentativen Liste des immateriellen Kulturerbes der UNESCO. In Unterreichenbach wird diese Tradition an diesem Wochenende wieder unmittelbar auf dem Wasser sichtbar.