Wie fühlt es sich an, ein Menschenleben zu retten?

bei Georg Kost

Alexander Pfeiffer hat Stammzellen gespendet

Alexander Pfeiffer hat Stammzellen gespendet. Foto Stadt Pforzheim

PFORZHEIM/NEUENBÜRG, 15.01.2020 (LB) – In Deutschland herrscht totaler Ausnahmezustand. Millionen von Menschen gehen auf die Straße. Es ist später Abend und bereits dunkel geworden, aber das stört die Menschenmassen nicht. Sie feiern, sie jubeln, fallen sich in die Arme. Deutschland-Flaggen werden geschwenkt. Es ist Sonntag, der 13. Juli 2014, die deutsche Fußballnationalmannschaft ist soeben zum vierten Mal Weltmeister geworden.

Draußen dröhnt das Hupkonzert hunderter Autos, gepaart mit den Chorgesängen der Fans. Drinnen, im zehnten Stock des Frankfurter City-Hotels, ist es ganz ruhig. Im Bett liegt Alexander Pfeiffer. Er ist allein. Von dem Trubel, der da draußen herrscht, bekommt er kaum etwas mit. Geschwächt von Medikamenten, die ihn in einen grippeähnlichen Zustand versetzen, bereitet er sich auf den nächsten Tag vor. Er wird ein Menschenleben retten.

Über 6,4 Millionen Menschen sind in Deutschland bei der gemeinnützigen Organisation DKMS registriert. 6931 stammen aus Pforzheim. Einer von ihnen ist der 43-jährige Alexander Pfeiffer. Bereits 2006 hat sich der heutige Abteilungsleiter der Pforzheimer Abfallwirtschaft bei der DKMS registriert. Anlass ist die Leukämieerkrankung eines Bekannten. Pfeiffer ist damals Gründungsmitglied der Bürgerinitiative „Stammtischstrategen“, für ihn steht sofort fest: „Zur Typisierungsaktion gehen wir hin.“ Der gesamte Verein lässt sich typisieren. Dokumente werden ausgefüllt, Blut wird abgegeben. Dann passiert nichts mehr.

Seit vier Jahren ist Alexander Pfeiffer bei der Stadt Pforzheim als Abteilungsleiter der Abfallwirtschaft tätig. Seit zehn Jahren sitzt er im Gemeinderat Neuenbürg, ist seit fünf Jahren Ortsvorsteher in Dennach und bereits seit 15 Jahren Feuerwehr Abteilungskommandant. Viel Zeit für Freizeit bleibt da nicht. „Langeweile kenne ich nicht. Wenn ich einen Ausgleich zu meinem Alltag brauche, dann gehe ich lange spazieren. Einfach den Kopf ausschalten. Und die Bewegung tut mir gut.“

Sieben Jahre nach der Registrierung erhält Pfeiffer im April 2013 ein Schreiben von der DKMS. Seine Gewebemerkmale passen zu einem Empfänger – ob er weiterhin bereit sei, Stammzellen zu spenden. „Für mich stand das außer Frage. Natürlich will ich das“, sagt der gebürtige Neuenbürger. Es folgt ein zweiter Brief mit einem Päckchen. Darin enthalten sind mehrere leere Röhrchen für die Blutentnahme. „Das habe ich zu meinem Hausarzt mitgenommen. Er nahm mir Blut ab, ich wurde durchgecheckt und das Päckchen zurückgeschickt.“ Dann passiert wieder nichts mehr.

Ein Jahr später wiederholt sich das Vorgehen: ein Schreiben der DKMS, ein Päckchen, ein Arztbesuch, wieder eine Blutentnahme. Dann geht plötzlich alles ganz schnell. Eine Kontrolle folgt der nächsten. Der diplomierte Verwaltungswirt wird von mehreren Ärzten auf Herz und Nieren untersucht. „Dafür musste ich zum Frankfurter Medical Center. Das machte mir aber auch nichts aus, eher im Gegenteil. Alle waren so unglaublich freundlich, außerdem hat die DKMS alle Kosten übernommen“, erinnert sich Pfeiffer. Neben Ultraschall, EKG, der Untersuchung von Leber und Milz, folgt auch ein psychologisches Gutachten. Dabei wird genau geprüft, ob der Spender sich der Verantwortung bewusst ist und ihm mitgeteilt, welche Risiken oder gar mögliche Konsequenzen bestehen. „Das war echt heftig. Denn für jeden potentiellen Spender muss klar sein: Wenn ich jetzt meine endgültige Zusage mitteile, dann kann ich damit noch kein Menschenleben retten, es aber gefährden.“ Grund dafür ist die medizinische Vorbereitung des Empfängers. Steht das medizinische Gutachten mit allen einstimmigen Untersuchungen fest, dann beginnen auch beim Erkrankten die Vorbereitungen für die Stammzellenspende. Das bedeutet, dass das Immunsystem des Empfängers komplett heruntergefahren wird. Würde sich ein Spender in diesem Zeitraum umentscheiden, könnte das fatale Folgen für den Erkrankten haben.

Dieses Risiko besteht bei Alexander Pfeiffer zu keiner Zeit. „Es stand für mich von Anfang an fest: Ich will das machen. Im Endeffekt rette ich ein Leben damit. Was gibt es schöneres?“, sagt Pfeiffer mit einem Lächeln. Das ändert sich auch während der Vorbereitungsphase nicht mehr. Zehn Tage vor dem geplanten Spendetermin wird es ernst. Der heute 43-Jährige muss sich selber ein Mittel mit dem Wachstumsfaktor G-CSF spritzen. Der Wirkstoff steigert die Anzahl der Stammzellen im Blut, versetzt dabei aber den Körper in einen grippeähnlichen Zustand. „Das ging zehn Tage lang so. Zwei Mal täglich musste ich mir dieses Mittel spritzen. Ich machte das immer vor der Arbeit und nach der Arbeit.“ Zuerst will der Abteilungsleiter tapfer sein, auf die Schmerzmittel verzichten. Doch schon am ersten Tag fühlen sich die Beine schwer an. Pfeiffer ist müde. „Am zweiten Tag sagte ich zu mir selbst: was mache ich hier eigentlich? Warum soll ich mich quälen und die Schmerzen ertragen? Dann habe ich die Schmerzmittel genommen. Der Zustand war erträglich. Aber ich fühlte mich von Tag zu Tag schlechter. Bis zum Sonntag.“

In seinem Hotelzimmer in Frankfurt bereitet sich der Neuenbürger und ehrenamtlicher Ortsvorsteher des Ortsteils Dennach auf den morgigen Tag vor. Die Medikamente der vergangenen Tage machen ihn schlapp. Er liegt im Bett. Im Hintergrund läuft der Fernseher und nur am Rande bekommt er mit, wie Mario Götze in der 113. Minute das Siegertor ins lange Eck des argentinisches Tors schießt. Aus dem Fernseher dröhnt der Jubel des Fußballkommentators. Pfeiffer lächelt. Er will ein andernmal feiern. Im Moment konzentriert er sich auf sich selbst. Er ist er aufgeregt, doch viel mehr euphorisch darüber, dass es nun endlich losgeht.

Am Montagmorgen macht er sich mit seinem Patenonkel auf den Weg in das Frankfurter Medical Center. Dort wartet schon das Team aus Ärzten und Schwestern auf ihn. Er wird an einen Apparat angeschlossen. „Das sah aus wie bei einer Dialysemaschine. Aus meinem rechten Arm wurde das Blut entnommen und gleich gefiltert“, beschreibt der Abteilungsleiter. Bei diesem Vorgehen werden die weißen Stammzellen vom Blut getrennt und in einem Beutel gesammelt. Das restliche Blut fließt weiter in die Maschine. „In meinem linken Arm hatte ich ebenfalls eine Kanüle, nur floss da das gefilterte Blut wieder rein.“ Etwa sechs Stunden dauert die Behandlung. „Schmerzen hatte ich keine. Ich habe einfach versucht ruhig zu liegen. Habe Filme angeschaut und das Krankenhauspersonal sorgte die ganze Zeit dafür, dass es mir gut geht und an nichts fehlt.“

Wem er seine Stammzellen spendet, weiß der engagierte Abteilungskommandant der Feuerwehr Dennach zu diesem Zeitpunkt nicht. „Das war auch nicht wichtig. Ich wusste, es gibt auf der Welt jemanden, der auf meine Spende angewiesen ist. Dass ich sein genetischer Zwilling bin. Das ist schon etwas besonderes“, blickt Pfeiffer zurück. Zwei Jahre lang herrscht absolute Anonymität zwischen Spender und Empfänger. Pfeiffer ist in dieser Zeit für andere mögliche Empfänger gesperrt. „Ich war sozusagen exklusiv für meinen genetischen Zwilling da. Es hätte ja passieren können, dass die Ärzte noch mehr Stammzellen von mir brauchen und ich noch einmal spenden muss.“ Diese Befürchtung bleibt allerdings unbegründet.

Zwei Jahre später hat der Abteilungsleiter der Pforzheimer Abfallwirtschaft die Stammzellenspende schon fast vergessen, als ihn ein Brief aus den USA erreicht. Es ist der 63-jährige Empfänger, der sich in seinem Schreiben für sein neues Leben bedankt. „Den Brief habe ich immer noch. Das hat mich schon sehr gefreut und auch berührt“, beschreibt Pfeiffer. „Leider ist aus einem Briefwechsel nie mehr geworden. Getroffen haben wir uns nicht. Aber das kann sich ja eines Tages ändern.“   Ljiljana Berakovic