Menschen im Hotel

bei Georg Kost

Schauspiel nach dem gleichnamigen Roman von Vicki Baum

Caro Thum. Foto Theater Pforzheim

PFORZHEIM, 13.09.2019 (pm) – „Ich könnte aufstehen und tanzen. Zuerst auf einer Stelle, und dann drei Kreise auf den Spitzen. Ich lebe ja. Ich werde neue Tänze tanzen, ich werde Erfolge haben“, macht sich die Primaballerina Grusinskaja Mut. Im Grand Hotel trifft sie auf weitere Gäste. Darunter ist der windige Baron Gaigern, der kranke Buchhalter Kringelein, die lebensfrohe Sekretärin Flämmchen und der vor der Pleite stehende Fabrikant Preysing.
Alle sind sie in einer Art Schwebezustand auf der Suche nach sich selbst – und den anderen. Sie lieben sich, betrügen sich oder geraten in Streit. Im Zuge einer Kontroverse tötet Preysing den Baron – und für die Verweilenden ist die Zeit gekommen, existentielle Entscheidungen zu treffen …

Vicki Baums Roman „Menschen im Hotel“ erschien 1929 und wurde später u.a. in Hollywood mit Greta Garbo verfilmt. Die Bühnenfassung entwirft ein Gesellschaftspanorama, in dem Zufallsbegegnungen schicksalhafte Verflechtungen erfahren. Menschen werden aus den Bahnen des Gewohnten geworfen und sind im Bestreben, eine persönliche Heimat zu finden, gezwungen, sich neu zu erfinden. – Begleitet von musikalischen Live-Einlagen, versteht sich der Theaterabend als Spiel mit den Möglichkeiten, die uns das Leben tagtäglich bietet. Und er verspricht einen ebenso humorvollen wie sinnlichen Start des Schauspiels in die neue Saison.

Im Gespräch mit Regisseurin Caro Thum

Ob der Buchhalter, die Primaballerina, der Portier oder der Generaldirektor – sie alle, die wir in „Menschen im Hotel“ erleben, sind ganz unterschiedliche Charaktere. Was aber verbindet sie dennoch alle nach deiner Auffassung?

Die Figuren des Stücks verbindet, dass sie alle aus verschiedenen Gründen aus dem Tritt geraten sind: Die Primaballerina hat den Zenit ihres Ruhms überschritten, ist, ohne es wahrhaben zu wollen, gealtert und sieht sich mit zunehmenden Misserfolgen konfrontiert. Der Buchhalter leidet an einer tödlichen Krankheit, deren Diagnose er kürzlich erst erhalten hat. Der Geschäftsmann scheitert daran, den Niedergang seiner Firma durch eine Fusion aufzuhalten. Die Verhältnisse aller Figuren sind prekär und dennoch bringen sie jede Anstrengung auf, eine Normalität zu behaupten, an der sie sich festklammern können. Alle stehen sie vor einer Zeitenwende. Das ist natürlich sinnbildlich für die Zeit der späten 20er Jahre.

Viele Zuschauer kennen den Film, einige haben vielleicht den Roman von Vicki Baum gelesen… Welche stilistisch individuellen Akzente setzt die Bühnenfassung, die du selbst für das Theater Pforzheim konzipiert hast?

Ich denke, die Qualität einer Bühnenadaption des Romans ist die Möglichkeit der Gleichzeitigkeit. Das ist etwas, was Theater dem Film voraushat, und auch im Roman können wir jeweils nur einem Handlungsstrang gleichzeitig folgen. Auf der Bühne lässt sich Simultanität herstellen: Wir können zum Beispiel gleichzeitig dem Treiben in der Hotelhalle folgen und sehen, wie sich eine Person ganz privat in ihrem Zimmer verhält. So entsteht eine Art Reigen und wir erleben Figuren gleichzeitig in verschiedenen Aggregatzuständen.

Menschen auf der Suche nach sich selbst und nach anderen – davon handelt „Menschen im Hotel“ unter anderem. Ist das tieftraurig oder eher komisch?

Ich finde den Stoff durchaus melancholisch, aber gerade in der Melancholie findet sich ja häufig eine lakonische, leise Komik. Etwas wie Galgenhumor.

Das Publikum kann sich freuen auf viele musikalische Evergreens, die live zu hören sind. Was gibt es über den musikalischen Charakter der Produktion zu berichten?

Musik ist natürlich immer ein Zeugnis ihrer jeweiligen Zeit und ein Soundtrack der Menschen, die in dieser Zeit leben. Wir setzen die Musik assoziativ ein.

So singen die Figuren Lieder, die ihnen als Alltagsmusik begegnet sind und die ihnen in ihrer jeweiligen Situation in den Sinn kommen, weil sie ein Lebensgefühl ausdrücken, manchmal ganz individuell und manchmal verbindend.

 

Caro Thum studierte Regie an der Hochschule für Musik und Theater Zürich.
Es folgten erste Regiearbeiten am Theater Basel, Staatstheater Mainz und dem Staatstheater Nürnberg. Ihre Inszenierung „Das Ende des Regens“ von A. Bovell am Stadttheater Ingolstadt wurde bei den 30. Bayrischen Theatertagen mit dem Hauptpreis der Jury ausgezeichnet.
In den letzten Jahren beschäftigte sie sich vermehrt mit Roman-Adaptionen und inszenierte unter anderem L. Seilers Roman „Kruso“ und Kafkas „Der Prozess“ sowie „Effi Briest“ von Fontane. Außerdem inszenierte sie u. a. am Stadttheater Bern, dem Mainfrankentheater Würzburg, den Städtischen Bühnen Münster, dem Theater und Philharmonie Thüringen, am Theater Heidelberg und dem Landestheater Neuss. Momentan sind von ihr aktuelle Inszenierungen am Staatstheater Darmstadt und am Hans Otto Theater Potsdam zu sehen.

 

Mit Steffi Baur, Lars Fabian, Michaela Fent, Joanna Nora Lissai, Bernhard Meindl, Markus Löchner, Fredi Noël und Jens Peter

Inszenierung Caro Thum
Bühnen- und Kostümbild Christian Klein
Musikalische Einstudierung Philipp Haag
Musikalische Fassung Thorsten Klein

Einblicke – die öffentliche Probe am Samstag, 14. September um 11.30 Uhr im Großen Haus
Premiere am Freitag, 20. September um 19.30 Uhr im Großen Haus
Weitere Vorstellungen am Di, 24., Mi, 25. und So, 29. September sowie an weiteren Terminen im Laufe der Spielzeit

Karten gibt es ab 13,70 Euro (ermäßigt 6,90 Euro) an der Theaterkasse am Waisenhausplatz unter Tel. 0 72 31/39-24 40, im Kartenbüro in den Schmuckwelten und auf www.theater-pforzheim.de